Kultur

Regensburgs neue Synagoge samt Gemeindezentrum in der Edith-Stein-Straße. Das Berliner Architekturbüro Volker Staab ging als Gewinner eines Architektenwettbewerbs hervor. (Foto: dpa/Armin Weigel)

08.03.2019

Ein Mahnmal des Nie wieder

Bayerns älteste jüdische Gemeinde in Regensburg hat eine neue Synagoge

Es ist ein zwingend gebotenes Hantieren mit Jahreszahlen, ein Blick in die Geschichte, die nahe und die ferne: Gegenwart bedarf des Erinnerns – und als in der vergangenen Woche die neue Synagoge in Regensburg eröffnet wurde, spielte diese Erinnerung eine bedeutsame Rolle. Als Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) davon sprach, diese Eröffnung sei „ein Glück für uns in Bayern“, sprach er von der Gegenwart und davon, dass auch in Zukunft „das jüdische Leben blüht und gedeiht“. Aber er mahnte gerade wegen dieses Wunsches auch zur Wachsamkeit.

Denn er stellte den „Freudentag“ in historischer Unumgänglichkeit in den Zusammenhang mit der immerwährenden Warnung des Holocaust, „dem größten Verbrechen, der größten Schande in der deutschen Geschichte“. Deshalb gelte: Es dürfe keine Chance geben „für öffentlichen und versteckten Antisemitismus“. Stattdessen bedürfe es einer „Kultur des Hinschauens und des Handelns“.
Die neu errichtete Synagoge hatte zwei Vorgängerbauten: eine gotische andernorts, die vor 500 Jahren zerstört worden war, und eine 1912 errichtete, die in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 während einer reichsweiten Pogromwelle im Feuer unterging.

Der 21. Februar 1519 hatte das Ende einer der ältesten Judengemeinden im Heiligen Römischen Reich bedeutet. Die Eröffnungszeremonie der Synagoge bezog sich auf dieses Datum. Die Stadt Regensburg nimmt es zum Anlass, sich unter der Überschrift „Stadt und Gesellschaft“ ein Kulturjahr lang mit der Vertreibung der Juden aus der alten Reichsstadt auseinanderzusetzen, unter anderem mit der Vortragsreihe „Jüdische Geschichte und Kultur Regensburgs vom Mittelalter bis zur Moderne“ und der Ausstellung Regensburg – Mittelalterliche Metropole der Juden.

Prekäre Außenseiterrolle

Der historische Rückblick: Juden sind in Regensburg urkundlich ab 981 bezeugt. Sie kamen zunächst wohl als Händler. In vielen Städten fungierten Juden als Kaufleute, und das galt umso mehr, weil die reicheren der allmählich anwachsenden Judengemeinden vor allem auch für Kreditgeschäfte dringend vonnöten waren. Christen durften einerseits kein Geld verleihen, andererseits gab es zu wenig Bargeld für die alltäglichen Geschäfte: Die Juden wurden so in eine Rolle gedrängt, die ihre ohnehin prekäre Situation als religiöse Minderheit am Rand der Gesellschaft noch prekärer machte. Denn diese religiöse Außenseiterposition konnte von den Schuldnern propagandistisch benutzt werden, um ihre Gläubiger loszuwerden. Dabei halfen stets in Umlauf gesetzte Legenden wie die des Hostienfrevels, eines Ritualmords an einem Kind oder – in Pestzeiten – der Brunnenvergiftung.

Fatal wurde das vor allem immer dann, wenn die Schutzherren der Juden – also im Prinzip der Kaiser, in der Praxis aber auch ein Landesherr oder ein Stadtmagistrat – Pogrome nicht verhindern konnten oder wollten. Für sie war es manchmal ein schlichtes, zynisches Rechenexempel: Verdiene ich mehr an meinen jüdischen „Kammerknechten“ als Steuerzahler oder indem ich sie beerbe?

Während großer Verfolgungswellen hatten die Regensburger lange Zeit die Juden in ihrer Stadt geschützt, so etwa bei reichsweiten Verfolgungen im Jahr 1298 oder den großen Pogromwellen im Zusammenhang mit der Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts.

Wie nahe jedoch der Zusammenhang war zwischen antisemitischer Propaganda und einem tatsächlichen, schrecklichen Massaker, zeigt schon eine erste Mordaktion im Jahr 1096 im Verlauf des ersten Kreuzzugs, als Hass und Hetze gegen Andersgläubige in Pogromen mündeten.

Vertreibung und Schändung

Auch der Vertreibung aus Regensburg vor 500 Jahren gingen solche Hasspredigten vor allem von Bettelmönchen in der Stadt voraus. Weil inzwischen aber auch Christen in Bankgeschäften zugange und Juden als Kreditgeber mithin verzichtbar geworden waren, wurden sie aus fast allen Territorien im Reich vertrieben, so etwa 1442 aus Ober- und 1450 aus Niederbayern.

Und schließlich wurden auch in Regensburg Menschen ausgeplündert, vertrieben, manche gingen dabei zugrunde, der Friedhof wurde geschändet. Die gotische Synagoge wurde abgebrochen, an ihrer Stelle entstand eine der Muttergottes geweihte Wallfahrtskirche, heute steht dort die evangelische Neupfarrkirche.

Aber die Erinnerung blieb und wird wach gehalten: Die gotische Synagoge und Teile des einstigen Judenviertels wurden von 1995 bis 1998 archäologisch ergraben und sind als „Document Neupfarrplatz“ im Rahmen von Führungen begehbar. Ein oberirdisches Denkmal ist ein Bodenrelief der einstigen Synagoge, geschaffen im Jahr 2005 vom israelischen Künstler Dani Karavan.

„Wir dürfen hoffen, dass unsere Stadt selbst von Kriegsnot und gemeiner Gefahr verschont bleiben möge, so auch der neue Tempel auf Jahrhunderte hinaus den festen und sicheren Mittelpunkt für das Kultusleben der Regensburger Israeliten bilden und Ihnen selbst daraus reiches Leben erblühen möge.“ Das hatte der einstige Erste Bürgermeister Regensburgs, Otto Geßler, am 29. August 1912 bei der Eröffnung der damals neuen Synagoge Am Brixener Hof gesagt. Er hatte sich zwei Mal grundsätzlich getäuscht: Die Kriegsnot ging nicht an der Stadt vorbei und die Synagoge hatte nicht jahrhundertelang Bestand.

Zerstörung und Mord

Stattdessen potenzierte der Schock des verlorenen Ersten Weltkriegs den Antisemitismus in Deutschland dermaßen, dass schließlich schrecklichen Worten grausame und mörderische Taten folgten. Die Zerstörung der Regensburger Synagoge während der Reichspogromnacht im Jahr 1938 war ein weiterer Trittstein auf dem Weg zur Shoah. Regensburgs Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) bekräftigte bei der sehr feierlichen, anrührenden Eröffnung der Synagoge auf dem Areal des Vorgängergebäudes denn auch: „Die neue Synagoge darf dieses Schicksal nicht teilen.“

Hell, lichtdurchflutet, anmutig und schlicht ist die Architektur des Gebäudes. Zu Beginn der Eröffnung wurden drei Torarollen feierlich, von Musik und Gebeten begleitet, in den Toraschrein überführt, dazu sprach Rabbiner Josef Chaim Bloch die Segens- und Eröffnungsworte. Ilse Danziger, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg und Hauptinitiatorin des Neubaus, begrüßte die Gäste. Zahlreiche Ehrengäste verlasen Grußworte: Neben Piazolo und Maltz-Schwarzfischer waren dies unter anderem der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und die Schauspielerin Adele Neuhauser, Schirmherrin der neuen Synagoge. (Christian Muggenthaler)

Abbildungen:

1912 bekam die jüdische Gemeinde Regensburgs eine neue Synagoge – in der Reichspogromnacht 1938 ging sie in Flammen auf. (Foto: Stadt Regensburg)

In den 1990er-Jahren wurden Reste des vor 500 Jahren zerstörten Vorgängerbaus ausgegraben. Seit 2005 erinnert ein begehbares Bodenrelief von Dani Karavan an diesen Bau.    (Fotos: Stadt Regensburg)

Im Innern der neuen Synagoge: Ein subtiles Zusammenspiel aus Holz, Stein und viel Lichteinfall prägt das Gebäude. (Foto: Stadt Regensburg)

 

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