Kultur

Dionysos-Schale des Exekias (um 530 v. Chr.) mit Darstellung eines griechischen Kriegsschiffs. (Foto: Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek/Renate Kühling)

07.01.2022

Ein Meer voller Wracks und Leichen

Die Staatlichen Antikensammlungen in München zeigen Wissenswertes über die legendäre Schlacht von Salamis

Beim Flug von München nach Kreta hat man den besten Blick auf die kleine Insel Salamis im Saronischen Golf. Aus 11 000 Metern Höhe sieht man das Inselgewirr vor Athen, das vor 2500 Jahren der persischen Flotte im Kampf gegen die Griechen zum Verhängnis wurde. An die epochale Seeschlacht von Salamis erinnert nun eine Ausstellung der Staatlichen Antikensammlungen am Münchner Königsplatz.

Dort tritt man im ersten Ausstellungssaal vor den mächtigen Torso von Milet – sollte das jemand sein, der bei Salamis mitgekämpft hat? Nein, der gewaltige Oberkörper will einen zu den Anfängen der Perserkriege zurückführen, zu den griechischen Aufständen in Kleinasien an der heutigen türkischen Küste. Sie wurden von den Persern niedergeschlagen.

Danach begegnet man gemäß der Chronologie Miltiades, dem Sieger der Schlacht von Marathon (490 v. Chr.) an der Ostküste Attikas; es ist die eindrucksvolle römische Kopie eines griechischen Vorbilds von 490 v. Chr. Beeindruckend auch der assyrische Kegelhelm, der als Teil der Beute von den Athenern nach Olympia geopfert wurde.

Der persische Großkönig Dareios I. war anlässlich der Niederlage schockiert – man bereitete sich zehn Jahre lang diplomatisch und militärisch auf die Rache vor: als Teil auch einer weitergehenden Expansion der Großmacht nach Westen und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es erneut eine Niederlage geben könnte. „Hybris“ nannten die Griechen das.

Die Perser hatten nicht mit Themistokles, dem neuen Führer von Athen, und dessen Flottenbauprogramm gerechnet. Er wurde der Held von Salamis. In der Ausstellung begegnet man ihm offenbar realistisch dargestellt in einer römischen Herme nach griechischem Vorbild. Themistokles hatte mit seinem Steuersystem und dem Bau langer Mauern die Grundlagen für den Sieg gelegt: Die Bevölkerung konnte sich vor einem Angriff zu Lande retten – im „Perserschutt“ sind viele archäologische Funde übrig geblieben.

Wind, Wellen, die Mobilisierung des Volkes als Ruderer und der listige Einsatz der zu See wendigen sowie schnellen Trieren verhalfen zum Sieg, den der Großkönig Xerxes auf seinem Thron von Salamis aus beobachten konnte. Am Ende des Münchner Ausstellungsrundgangs kann man an einem Modell nachvollziehen, in welchen Etappen die Schlacht verlief.

Krieg in der Antike

Im breiten Mittelteil der Ausstellung Salamis 480 steht angesichts des Mangels an archäologischen Zeugnissen der Seeschlacht eine Fülle von Bauchamphoren und Schalen mit Kriegsthemen der Antike: Die Zeitspanne reicht von Troja bis zum Ende der Perserkriege. Anhand alter Mythen wird die jeweils aktuelle Bewaffnung und „Uniform“ dokumentiert: Achill kämpfte gegen Hektor mit Lanze und Schwert, die Amazonen sieht man in ihrer typischen Kleidung aus der Schwarzmeerregion.

Der Blick geht auch ins persische Großreich hinüber: Zu sehen sind vornehme Trinkgefäße, Stempelsiegel aus der Verwaltung, die das alte Rollsiegel mit der Keilschrift des babylonischen Reiches abgelöst haben. Die weltpolitisch bedeutsame Auseinandersetzung zwischen Griechen und Persern findet sogar Platz auf einem kleinen persischen Skarabäus aus dem Halbedelstein Chalzedon und nach ägyptischem Vorbild, auf dem ein persischer Reiter einen gestürzten griechischen Hopliten (Fußkämpfer) mit der Lanze tötet.

Die Seeschlacht von Salamis war mit dem Sieg der Flotte längst nicht beendet: Neun Jahre später wurde Themistokles vom „Scherbengericht“ der Volksversammlung wegen seiner Machtkumulation verbannt. Ironie der Geschichte: Er wurde Statthalter (Satrap) in einer persischen Provinz. Athen hatte den Sieg zur Gründung des attisch-delischen Seebunds genützt: Das war zukunftsträchtig, und die Bundeskasse auf der kleinen Insel Delos war fest in athenischer Hand.

Die Niederlage von Salamis spornte wiederum das Perserreich zur größten damals denkbaren Aufrüstung für den letzten Teil der Perserkriege an: Es folgten die Kapitel der Thermopylen und der Schlacht von Plataiai – man sieht in den Vitrinen der Antikensammlung Helme, Brustpanzer, Lanzen, auch die Büsten des Kimon (Sohn des Marathon-Siegers Miltiades) und schließlich von Alexander dem Großen, der den Krieg und die Rache für die Zerstörung Athens nach Asien trug.

In einer Art Amphitheater sitzt man am Ende unter dem Schwulst des Gemäldeabdrucks (um 1858) von Wilhelm von Kaulbach, sieht auf einem Relief die Trieren mit ihren 1600 Ruderern zwischen der saronischen Inselwelt.

Vieles kann man zur Politik und dem Thema „Demokratie“ aus diesen Perserkriegen und auch aus der Schlacht von Salamis lernen – heute sind das für die Schülerinnen und Schüler nur noch böhmische Dörfer. Wer aber alles ganz genau wissen will, schlägt bei Die Perser des Zeitzeugen und Dramatikers Aischylos nach. In einem „Botenbericht“ lässt dieser Nacht und Morgen vor der Schlacht und dann die Entscheidung drastisch vorüberziehen: „Nicht zu sehn mehr war die See, mit Wrack und Scheiter und mit Leichen überdeckt.“ Auch die winterliche Flucht der überlebenden Perser wird erzählt. Und der Chor seufzt: „Ach, Xerxes schuf mit seinen stolzen Meerschiffen all diese Leiden uns!“ Acht Jahre nach Salamis war die Uraufführung der Tragödie, und der berühmte Staatsmann Perikles hat sie bezahlt. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 13. März. Staatliche Antikensammlungen, Königsplatz 1, 80333 München. Aktuelle Öffnungszeiten unter. www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de

 

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