Kultur

Das Giuditta-Ensemble. (Foto: Bayerische Staatsoper/W. Hoesl)

20.12.2021

Eine Kopfgeburt mit viel Schmelz

Franz Lehárs "Giuditta" an der Bayerischen Staatsoper

Es ist fraglos löblich, wenn sich ein Opern-Intendant auch der Operette annimmt. Allerdings hat Serge Dorny offenbar noch nicht wirklich verinnerlicht, dass er nicht mehr im französischen Lyon wirkt, sondern an der Isar in München. Hier gibt es neben der Bayerischen Staatsoper noch ein weiteres großes Musiktheater, das genau dieses Repertoire abdeckt: das Gärtnerplatz-Theater.

Dort wurde 1951 erstmals in München die Giuditta von Franz Lehár aufgeführt. Mit dem Werk sah Lehár 1934 seinen Plan vollendet, eine „lyrische Operette“ oder auch „Spieloper“ zu erschaffen. Und jetzt die Neuproduktion am Münchner Nationaltheater: Natürlich würde am Gärtnerplatz-Theater wohl nicht ausgerechnet ein Christoph Marthaler ein solches Werk inszenieren. Das macht das ganze Projekt allerdings nicht unbedingt notwendiger.

Mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf hat Marthaler aus der Giuditta etwas ganz anderes gemacht. Was konkret, ist nicht immer klar zu fassen. Jedenfalls wollte der gebürtige Schweizer den Stoff ernster machen. Deswegen werden Anita und Pierrino bei Marthaler zu Anna und Sladek. Sie geistern aus dem Theaterstück Sladek oder die schwarze Armee von Ödön von Horvath herüber.

Es geht um einen Skandal

In dieser „Historie in drei Akten“ von 1927/28 geht es um einen Skandal rund um die deutsche Wehrmacht. Sie bricht den Versailler Vertrag, um die Truppenstärke heimlich aufzustocken. Sladek ist ein Rechtsradikaler, der seine Geliebte Anna ermordet, nachdem diese ihn zu verraten droht. Das passt insofern zu Giuditta, weil die Titelheldin – eine schöne Tänzerin – dem Offizier Octavio zur Fahnenflucht anstacheln möchte.

Er muss an die Front in Nordafrika, was die Geschichten von Lehár und Horvath umso deutlicher verzahnt, denn: In Giuditta bildet faktisch das faschistische Treiben Italiens in Nordafrika den historischen Hintergrund. Dieses Italien ist bekanntlich ein enger Verbündeter von Nazi-Deutschland. Die heimliche Aufstockung der Truppenstärke der deutschen Wehrmacht zählt wiederum zu den Voraussetzungen des Zweiten Weltkriegs.

Hier setzt Marthaler auch musikalisch an, wenn er neben Lehár zudem Lieder und Instrumentalmusik von Zeitgenossen integriert. So erklingen mit Gideon Klein und Viktor Ullmann auch zwei Komponisten, die von den Nazis verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet wurden: Klein in Fürstengrube und Ullmann in Auschwitz. Sonst aber bleibt die Auswahl der zusätzlichen Musiken nicht immer klar.

Ermüdend redundant

Das gilt sowohl für Alban Berg, Béla Bartók, Hans Eisler oder Erich Wolfgang Korngold wie auch für Ernst Krenek, Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch und Igor Strawinsky. Schnell nutzt sich das Konzept ab: ermüdend redundant. Was bleibt, ist vor allem der Eindruck einer reinen Kopfgeburt. Dies wird zusätzlich unterstrichen von dem Einheitsbild von Anna Viebrock und dem Rampenspiel des Solisten-Ensembles. Die Regie gibt ihnen keinen darstellerischen Spielraum.

Ob Kerstin Avemo als Anna, Sebastian Kohlhepp in der Rolle des Sladek oder Magne Håvard Brekke als Giudittas alter Ehemann Manuele: Sie alle singen wunderbar. Das gilt auch für Vida Miknevičiūtė, obwohl ihr dramatischer Sopran streng genommen nicht ganz zum lyrisch-leichten Profil der Titelpartie passt. Mit dem weichen, warmen Tenor von Daniel Behle als Octavio mischt sich ihr Timbre jedoch sehr gut.

In Ohrwürmen von Octavio wie Freunde, das Leben ist lebenswert, Schönste der Frauen oder Du bist meine Sonne fängt das Bayerische Staatsorchester den samtenen Schmelz genauso gut ein wie in Giudittas Meine Lippen, sie küssen so heiß. Unter der Leitung von Titus Engel wird auch das Profil zwischen Impressionismus und Puccini-Verismus fein ausgestaltet, aber: Bisweilen überspielt das Orchester die Stimmen. Viele Bravo-Rufe für die Ausübenden, einige Buh-Rufe für die Regie.
(Marco Frei)

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