Kultur

Die Kunstfertigkeit von Comet Musicke bei den Tagen Alter Musik in Regensburg war beeindruckend. (Foto: Comet Musicke)

29.05.2026

Eine Zeitreise zu den Nibelungen und in die Anden

Die 41. Tage Alter Musik in Regensburg fanden vom 22. bis 25. Mai statt. Es war wieder einmal grandios

Die „Tage Alter Musik“ waren dieses Jahr auch „Tage noch älterer Musik“ und führten an Pfingsten ihr internationales, historisch informiertes Publikum in Regensburg sogar bis ins Mittelalter zurück. Passend zu einer Region, aus der einige der berühmtesten Fassungen des Nibelungenlieds stammen.

Mit dem trat das Ensemble Parlamento auf, denn es ist nicht nur auf musikhistorischer Quellensuche, sondern bietet an, was das Regensburger Stammpublikum interessiert: Wie mag das gewesen sein mit den Minnesängern und Epenerzählern auf den mittelalterlichen Burgen, in den Kemenaten oder im Palas vorm Kamin? So ein Tristan des Gottfried von Straßburg, so ein Nibelungenlied konnte gar nicht lang genug sein, wenn es draußen kalt und der Magen des vagabundierenden Sängers leer war.

Und so gab es seit der Völkerwanderung reichlich Quellen dieser Story von Siegfried, Prunnhildt und Criemhilt, aus denen sich so ein Gastspiel wie in der Dominikanerkirche speisen konnte. Hier haben sich die Interpreten von der Schola Cantorum Basiliensis für ihr Programm Die Rache der Königin auf die Hauptfiguren konzentriert. Und haben aus den 1200 Strophen sieben Aventiuren ausgesucht, in Mittelhochdeutsch vorgetragen und mit Musik des 15. Jahrhunderts garniert.

Karin Weston fing nach den ersten bedeutungsschwangeren Flötentönen an mit den berühmten Versen: „Ez wuochs in burgonden / ein vil edel magedin“ und war in einer guten Stunde bei „hie hat daz maere ein ende / daz ist der Nibelunge liet.“

Jedem Kapitel ist ein Soloinstrument zugeordnet, stimmig passend, aber keineswegs original, wie letztlich die ganze Veranstaltung. Denn ein hoher Sopran wie der von Karin Weston stimmt kaum mit dieser Heldensage überein, in der Kirche akustisch so gut wie nicht verständlich – und man ist froh über das hilfreiche Textblatt. Sonst hätten sich die Texte und ihre Verständlichkeit gründlich verloren, und so war denn das Nibelungenlied des Ensemble Parlamento von den Instrumenten bestimmt. Schade um den Streit zwischen Criemhilt und Prunnhilt auf der Münstertreppe zu Worms.

Das mag manche Enttäuschung bei den anwesenden Germanisten gegeben haben, die in ihrer Seminarzeit noch Scheine in Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch machen mussten – also wenig von der versprochenen Authentizität, trotzdem gab es am Ende Bravostürme.

Die Sprache der alten Inkas aus Südamerika, die verstand das Publikum wahrscheinlich noch viel weniger, wenn es etwa Hanacpachap cussicuiniu (erhabener Schöpfer“) hieß – von einer vergessenen Komponistin aus den Anden, die das Ensemble Comet Musicke wiederentdeckt hatte. Francesco Apoumayta und ihre Familie lebten im 18. Jahrhundert in der alten Inka-Hauptstadt Cuzco, dem „Nabel der Welt“. Sie, ihr Vater, ihr Bruder bedeuten in der Musikgeschichte Perus eine Mischung alter, indigener und neuer christlich-spanischer Musikelemente. Und man erfuhr neben dieser Musik-Melange auch eine Menge über das Musikleben in Cuzco nach der Eroberung durch die Conquistadoren. Ebenso wie über den Einfluss, den sich wichtige Angehörige der Inka-Kaste auch weiterhin bewahrt hatten, über die Pest, die von den 60 000 Einwohnerinnen und Einwohnern nur eine Handvoll übrig ließ.

200 Jahre nach Beginn der Eroberung Südamerikas brachte Comet Musicke Musik von geradezu manieristischer Kunstfertigkeit nach Regensburg, Erzählungen von Francescas Familie, den 13 Kindern ihres Bruders, leise Harfentöne als Antwort auf die katastrophale Situation während der Pestzeit. Francesca wollte als „Sinn ihres Daseins“ Kapellmeisterin werden, was für eine Frau damals gänzlich unmöglich war. Dafür schrieb sie im Kloster Santa Clara Musik für Zink und Gambe, für üppig aufblühende Frauenstimmen mit einer überwältigenden Ausdruckskraft. Das spürte man auch in ihrer Misa nueva (um 1790) mitten aus dem Grünen Tal von Cochabamba in den Anden. „Musik, mein ewiger Gesprächspartner“, sagte Francesca. Und man verstand durch ihre Musik ein ganzes Stück besser die Rolle der katholischen Kirche in Südamerika und vergaß die fatale Rolle der Zwangschristianisierung über all dem schönen Klang des Gloria in excelsis Deo.

Da wurde einem wieder bewusst, wie dominierend die Stellung des Regensburger Festivals in der Alte Musik-Szene in Europa ist: grandios. (Uwe Mitsching)

Auf BR Klassik am 10. Juli um 18.03 Uhr und vom 14. bis zum 17. Mai 2027 die „Alte Musik“ zum 41. Mal.
 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Soll die Schulpflicht abgeschafft werden?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

> Das neue vbw Unternehmermagazin ist online

Ralf Wintergerst, CEO von Giesecke+Devrient, weist auf einen sehr wesentlichen Umstand der deutschen Politik hin: „Es gibt hierzulande sehr viele Veto-Punkte, wo der eine aus Eigeninteresse den Vorschlag des anderen blockieren kann."

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.