Kultur

Der Bruckmann Verlag reproduzierte Meisterwerke der Kunstgeschichte. Hier der Blick in das Werkstattatelier, wo die Fotografien retuschiert wurden. Die Fotografie entstand um 1900, abgedruckt in der Zeitschrift "Das Bayerland". (Foto: ZI/Bildarchiv Bruckmann, Das Bayerland 11.36/1900)

07.06.2024

Erfolg mit dem Bild vom Bild

Das historische Bruckmann-Bildarchiv wird erstmals wissenschaftlich erforscht

Lange Zeit galt das Bildarchiv des Bruckmann Verlags, eine der einst größten deutschen Verlags- und Druckanstalten, als verschollen. Der Besitzerwechsel des ehemaligen Firmengebäudes im Münchner Stadtteil Neuhausen in der Nymphenburger Straße 86 (entworfen vom Jugendstilarchitekten Martin Dülfer) förderte es wieder zutage: ein Konvolut von rund 150 000 Medieneinheiten. Es bildet die technologische Firmengeschichte von den Unternehmensanfängen der 1860er- bis in die 1990er-Jahre ab. Im Herbst 2016 gelangte es durch Schenkung an das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI).

Die dortige Hüterin des Schatzes ist die Kunsthistorikerin Franziska Lampe. Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung, erarbeitet sie am ZI anhand der neuen Ressource aus Positiven und Negativen die enge Verzahnung von Ökonomie, Fotografie und Kunstgeschichte um 1900.

Verdienen mit Lizenzen

Den Fokus legt sie auf drei Themenbereiche. Erstens geht es um den erfolgreichen Schweizer Maler Arnold Böcklin. Dieser gilt als typisches Beispiel dafür, wie zeitgenössische Kunstschaffende als moderne Unternehmer agierten, indem sie durch die Vergabe von Lizenzrechten für die Reproduktion ihrer Gemälde nicht nur zusätzliche Einnahmen generierten, sondern auch mithilfe der neuen und billigeren Reproduktionstechniken den Distributionsradius ihrer Werke erweiterten. Dabei spielte das fotografische Kopierverfahren des neuen Pigmentdrucks eine zentrale Rolle.

Mit Gründung der Photographischen Union 1884 wurde ein neues Geschäftsfeld erschlossen, das als Bruckmann’sches Tochterunternehmen die Werke damals zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler strategisch und damit gewinnbringend reproduzierte.

Zweitens werden vor dem Hintergrund zahlreicher Fotokampagnen in Museen, wie dem Reichsmuseum in Amsterdam oder der Alten Pinakothek in München, die technischen Rahmenbedingungen und Konditionen im fotografischen Reproduktionsgeschäft rekonstruiert. Wie Fotos belegen, wurden die Gemälde im Freien im direkten Sonnenlicht im drehbaren mobilen Fotostudio aufgenommen. Durch die Auswahl der zu reproduzierenden Gemälde definierte der Verleger neben dem ihm zur Seite stehenden Kunsthistoriker den heute vermehrt infrage gestellten Kunstkanon mit.

In der dritten Fallstudie geht es explizit um die Ausstellung Meisterwerke Muhammedanischer Kunst, die 1910 auf der Theresienwiese stattfand. In diesem Zusammenhang wird auch der Frage nachgegangen, welche Rolle der Einsatz von oder der Verzicht auf Farbe spielte.

Mit diesen Forschungsthemen schlägt die Kunsthistorikerin Lampe ein spannendes Kapitel der Mediengeschichte auf. Sie richtet auch einen Appell an die Öffentlichkeit: Wer Auskünfte zu den Arbeitsabläufen in den Bruckmann-Werkstätten und in der Verwaltung des Verlags liefern kann, wird gebeten, sich mit dem ZI in Verbindung zu setzen. Vielleicht entdeckt jemand auch beim Stöbern Bruckmann’sche Kunstreproduktionen, Kunstmappen oder kunsthistorische Prachtbände, die gerade im bilderhungrigen 19. Jahrhundert beliebt waren? Auch solche Fundstücke können helfen, Forschungslücken zu schließen.

So ist zum Beispiel in den insgesamt 400 Archivschachteln, gefüllt mit teilweise reich annotierten (mit Infos versehenen) und retuschierten Abzügen, der Bildbestand aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs nicht repräsentativ vertreten.

In einer Zeit, als sich das Fach Kunstgeschichte als neue Wissenschaftsdisziplin etablierte, gehörte Friedrich Bruckmann zu jenen frühen Verlegern, die Münchens Ruf als Kunst- und Verlagsstadt anlockte: 1863 zog er mit seinem Unternehmen in die Residenzhauptstadt an der Isar; gegründet hatte er es als Verlag für Kunst und Wissenschaft 1858 in Frankfurt am Main, der Umzug 1861 nach Stuttgart ging einher mit der Neugründung unter dem eigenen Namen Friedrich Bruckmann’s Verlag.

Adresse für Standardwerke

Bruckmann legte wissenschaftliche Standardwerke der Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte auf. 1885 gab der Netzwerker und Brückenbauer der Kunst, der mit dem nicht weniger renommierten Münchner Kunstverlag Franz Hanfstaengl konkurrierte, die erste und einflussreichste illustrierte Kunstzeitschrift Die Kunst für Alle heraus. Nach dem Tod des Firmengründers 1889 übernahmen seine Söhne Alphons und Hugo die Leitung.

Mit dem Erscheinen Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts im Jahr 1899 wurde das populäre Verlagsprogramm zunehmend populistisch, rassistisch und antisemitisch. Das Machwerk des gebürtigen Engländers eröffnete den Vortragsreigen im Salon von Elsa Bruckmann, der Ehefrau von Bruckmanns jüngstem Sohn Hugo. Zu ihren Hausgästen gehörte ab 1924 auch Adolf Hitler, den sie ihrerseits bereits im Landsberger Gefängnis mehrfach besucht hatte. Der Verlag arbeitete mit den Nationalsozialisten zusammen, gab auch völkisch-nationalistische Publikationen heraus, pflegte aber nach wie vor sein Kunstprogramm.
Seit 1999 ist der Bruckmann Verlag Teil des Verlagshauses GeraNova Bruckmann und hat sich neu aufgestellt. Statt mit Kunst operiert der Verlag heute mit Reise- und Wanderführern und ist unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Bergsteiger. (Angelika Irgens-Defregger)

Information: Franziska Lampe nimmt Informationen zum Bruckmann-Verlagsgeschehen entgegen: bruckmann@zikg.eu

 

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