Kultur

Wer diese Lindenholzfigur um 1500 geschaffen hat, ist unklar. Man vermutet einen Künstler aus dem Umkreis des Michel Erhart, der in der Ulmer Gegend wirkte und für einen realistischen Stil bekannt war. Dargestellt ist ein heiliger Bischof oder Abt. Handelt es sich dabei vielleicht um Ernst von Zwiefalten? Dieser soll beim Zweiten Kreuzzug 1148 den Märtyrertod erlitten haben. Unter anderem sollen ihm die Eingeweide herausgerissen worden sein. (Foto: GNM)

03.06.2022

Experimentieren in Kojen

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt in einer Interimsausstellung zum Mittelalter, wie es die künftige Dauerausstellung konzipiert

Schlicht Das Mittelalter heißt eine aktuelle Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in Nürnberg. Eigentlich geht es dabei aber mehr um das Museum selbst als um die rund 1000 Jahre, die für eine Ausstellung dann doch einen viel größeren Rahmen und Aufwand bedeuteten als die Präsentation von 24 Werken. Konkret meint das GNM mit seiner Schau auch nur den späten Rest des Mittelalters, das 15. Jahrhundert, und kommt mit nur sechs „Kojen“ aus. Man will diese Zeit als ein Aufwärts nach dem düsteren Mittelalter und hin zur beginnenden Renaissance zeigen.

Thematische Ausrichtung

Die kleine, aber feine Ausstellung erfüllt auch einen praktischen Zweck: Die gesamte Mittelalterausstellung wird saniert – gemeint ist damit die „Mittelalterhalle“, die von Architekt Sep Ruf einst für die riesigen Bestände des GNM konzipiert wurde. Und wie man die künftige Dauerausstellung neu aufstellen will, das will man unter anderem mit dieser kleinen Schau vorführen.

Bisher hatte sich die Dauerausstellung stark an den künstlerischen Schulen der Altartafeln, Skulpturen und Reliquienbehälter orientiert. In Zukunft will man Themen, Funktionen, Kontexte thematisieren: Wo standen die Sachen ursprünglich, wozu wurden sie benutzt, ge- und verbraucht? Man geht davon aus, dass solche Fragen nicht nur Fachleute interessieren, sondern zunehmend ein Publikum, dem vielfach inzwischen der christliche Kunst-Hintergrund fehlt. Nach dem gleichen Prinzip wird man in einigen Jahren die Bestände aus dem 19. Jahrhundert neu gruppieren: „Die Art des Ausstellens ändert sich. Die Bestände sollen in einen Funktionszusammenhang gebracht und so gezeigt werden, mit ihrem Nutzen, ihrer Funktion“, sagt Museumssprecherin Sonja Mißfeldt. Deshalb sind in die neue Art der Präsentation auch Expert*innen der Volkskunde und des Handwerks (nicht aus dem Fachbereich der Restaurierung) einbezogen.

Aus diesem Grund präsentiert das GNM in dieser kleinen Mittelalterschau die Objekte auch nach solchen Fragen: Wie organisierten die Künstler ihre Werkstätten, wer gab die Sachen in Auftrag, welche Funktion hatten sie, bevor man sie ins Museum steckte? Antworten geben in den thematisch konzipierten Kojen erläuternde, vergleichende Videofilme und Objekttexte. So kann man zu einem spätmittelalterlichen Flügelaltar parallel auf dem Bildschirm jenen in der Schwabacher Stadtkirche sehen, auch, wie er auf- und zugeklappt wird.

Drei Fragen werden immer wieder gestellt: Welche Funktion hatte ein Objekt im Rahmen der spätmittelalterlichen Frömmigkeit? Welche Formen der Zusammenarbeit lassen sich darstellen, wenn zum Beispiel für eine Heiligenfigur der Kopf woanders hergestellt wurde als der Körper? Woher bezog ein Künstler seine Silberbleche?

Netzwerke ausgebaut

In der Sektion „Kunstzentren“ heißt das neue Konzept: Es geht nicht nur um den einzelnen Handwerker in seiner kleinen Klause, sondern um den Künstler als Unternehmer mit überregionaler Vernetzung, um Subunternehmer und ein europaweites Klientel. Da tauchen dann die Kunstzentren Ulm, Bamberg, Nürnberg und Köln auf: Es geht um Beziehungen untereinander, um jeweils stilistische Schwerpunkte (etwa bei der Landschaftsdarstellung).

Für die Erzählkunst der Altarbilder steht beispielhaft der Tegernseer Kalvarienberg von Gabriel Angler: Der Mittelteil des Flügelretabel war etwa sechs Meter breit und mit Predella und Gesprenge wohl über sieben Meter hoch. Man blickt geradezu auf ein Wimmelbild zur Kreuzigungsszene mit unglaublich vielen Details – bis hin zu dem Plünderer, der die erbeuteten und viel zu kleinen Stiefel mühsam anziehen will, eine Art Schuhlöffel hat er dazu schon im Mund.

Stil wird Marketingmittel

Spätmittelalterliche Großwerkstätten stellt man am Beispiel von Tilman Riemenschneider dar: Der Künstler ist auch Unternehmer, sein Stil gilt marketingmäßig als Qualitätsmerkmal. Es tauchen in diesem Zusammenhang Serienfertigung und Produktionsgemeinschaften auf, Netzwerkbildung und Arbeitsteilung oder der Vertreter, der mit den Beispielfenstern aus Straßburg herumreist und Aufträge einholt.

Diese Schau, die Appetit machen soll und auch austestet, wofür das GNM künftig stehen will, hat eine Feedback-Station integriert: Das Museumspersonal will wissen, wie das alles beim Publikum ankommt. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 1. Oktober. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.gnm.de

 

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