Kultur

Anatol Käbisch als Amadeus zieht alle Register mimischer Charakterisierung. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

22.02.2019

Explosionen eines unzeitgemäßen Genies

„Amadeus“ von Peter Shaffer am Staatstheater Augsburg

Wolfgang Amadeus sorgt für die Eröffnung, wie man ihn als Spross seines stockbiederen und erzkonservativen Augsburger Vaters Leopold kennt, der sein Wunderkind wie ein dressiertes Äffchen den europäischen Fürstenhöfen präsentierte: Quirlig, quäkend, quengelnd platzt er wie eine Bombe hinein in die verstaubte Welt des Habsburger Hofes und verschreckt das verkalkte Schranzenpack zutiefst mit den Explosionen seines unzeitgemäßen Genies.

Der schicksalhaften Begegnung zwischen dem Jahrhundert-Kometen Mozart und dem fleischgewordenen Mittelmaß des Hofkapellmeisters Antonio Salieri stellt Regisseur David Ortmann am Staatstheater Augsburg einen zeitnahen Exkurs voraus: Eine Dramaturgin entdeckt irgendwo in den Tiefen des renovierungsbedürftigen Großen Hauses eine vom Zahn der Zeit reichlich angefressene Guckkastenbühne und mittendrin, umhüllt vom Staub der Geschichte, besagten Salieri, der ihr gleichsam als untoter Zeitzeuge erzählt, wie es vor zweieinhalb Jahrhunderten zu der Hassliebe zwischen ihm und dem alle musikalischen Phantasien befreienden Entfesselungskünstler Mozart gekommen ist.

Nostalgischer Zauber

Die Bühne von Jürgen Lier, eine Mischung aus mobilem Klettergerüst und kassettenartigen Minibühnen, sorgt für geschmeidige Szenenwechsel, und die opulenten Barockkostüme von Ursula Bergmann führen mit viel nostalgischem Theaterzauber hinein in die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Regie führt ihr Ensemble an der langen Leine und lässt viel Raum für pure Spiellust.

Anatol Käbisch ist ein atemberaubend agiles Wolferl, dem alle Register, vom genüsslich zelebrierten Spaß an obszön-fäkalischen Kraftmeiereien bis hin zu beklemmenden Todeskrämpfen, spielerisch zu Gebote stehen. Thomas Prazak lässt als Salieri mitunter vielleicht ein bisschen von der Wirkung des Gifts vermissen, das seine Seele zerfrisst.

Marlene Hoffmann wechselt leichtfüßig von der wissbegierigen Theaterfrau zu Mozarts temperamentvoller Constanze. Der Kaiser Joseph von Sebastian Müller Stahl ist ein grandios faszinierender Langweiler und Klaus Müller als kratzfüßiger Direktor der Nationaloper ein bilderbuchreifer Popanz von der Besetzungsliste der altehrwürdig festgefressenen k.u.k.-High Society.

Sie alle ersaufen in Mozarts Musik, der Revolution in seinem Hirnkasten, die er nur noch aufs Papier bringen muss. Jubel und Fußgetrampel schier ohne Ende. (Hanspeter Plocher)

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