Kultur

Das Schloss als tödliches Gefängnis: Auf die Liebe zwischen Pelléas (Ben Bliss, links stehend) und Mélisande (Sabine Devieilhe, rechts sitzend) reagiert Ritter Golaud (Christian Gerhaher, Mitte stehend) zusehends eifersüchtig. Der König Arkel (Franz-Josef Selig, Mitte sitzend) ahnt Unheil. (Foto: Wilfried Hösl)

10.07.2024

Familienaufstellung mit tödlicher Eifersucht

Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ bei den Münchner Opernfestspielen

In München hat diese Oper eine durchaus gewichtige Aufführungstradition. So zählte das Nationaltheater 1908 zu den ersten Bühnen außerhalb Frankreichs, die den Fünfakter Pelléas et Mélisande von Claude Debussy zeigte. Zuletzt war dieses Werk vor neun Jahren zu sehen: ebenfalls im Rahmen der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater. Nun ist diese Oper gewiss hörenswert, aber: Zum Kernrepertoire gehört sie nicht.

Warum ausgerechnet dieses Werk eine Neuinszenierung erfährt, überdies nach vergleichsweise kurzer Zeit, zählt zu den großen Geheimnissen des Münchner Staatsopern-Intendanten Serge Dorny. Er setzt bisweilen nicht ganz schlüssige Akzente, und das zieht sich leider durch seine bisherige Amtszeit in München. Dass zudem Staatsopern-GMD Vladimir Jurowski auch diese zweite große Opern-Premiere im Rahmen der glanzvollen Münchner Opernfestspiele nicht dirigiert, macht die Sache nicht besser.

Dafür aber stand mit Hannu Lintu ein Dirigent des Bayerischen Staatsorchesters am Pult, der der Partitur einen durchaus eigenen Zugang abgerungen hat. Man mag darüber streiten, ob der fragil schwebende, vielfarbige Impressionismus stilsicher eingefangen wurde, aber: Die eher zupackende Leitung des Finnen bildete einen wirkungsvollen Kontrapunkt zur Inszenierung von Jetske Mijnssen. Ähnlich wie 2015 Christiane Pohle arbeitet auch die Niederländerin grundsätzlich mit szenischer Reduktion.

Gleichzeitig aber schenkt sie dem teils symbolistischen Seelendrama einen realistischen Raum. Für die Regie hat Ausstatter Ben Baur eine Art Guckkasten entworfen, der von Neonröhren umrahmt ist. An der Rampe plätschert Wasser, sonst aber ist das Schloss Allemonde greifbar präsent. Die ganze Handlung spielt sich hier ab, auch die Szenen, die eigentlich im Wald, einer Felsgrotte oder im Park spielen. Dabei gelingt es Mijnssen, das Schloss als ein Gefängnis zu verlebendigen. Es ist eine Art Familienaufstellung, getrieben von tödlicher Eifersucht, die Mijnssen konzis entwirft.

Im Zentrum steht Golaud, und wie Christian Gerhaher diese Figur zeichnet, das geht buchstäblich unter die Haut. Bei Gerhaher schwelen in diesem Charakter von Beginn an Jähzorn und Gewalt. In seiner herrischen Zwanghaftigkeit und seinem kühlen Rationalismus agiert dieser Golaud gänzlich lebensfeindlich. Darunter leidet seine Frau, die von Sabine Devieilhe überaus klangsinnlich gesungenen Mélisande. Als Pelléas (Ben Bliss), der Halbbruder Golauds, erscheint, beginnt zwischen dem Titelpaar eine Liebe zu glühen.

Was der kopflastige Golaud seiner Frau nicht geben kann, sind Seele, Träume und Liebe. Beide, Mélisande und Pelléas, leiden in dieser gemütskalten Umgebung. In der Liebe zueinander finden sie ihre Heimat. Als Golaud seinen Halbbruder umbringt, tötet er im Grunde auch Mélisande. Niemand kann das Drama aufhalten, auch nicht der gutmütige König Arkel (einnehmend: Franz-Josef Selig) oder Geneviève (Sophie Koch), Großvater und Mutter der Halbbrüder. Das alles funktioniert insgesamt recht gut, zumal Dirigat und Regie spannende Kontraste herausbilden und sich gleichzeitig gerade darin gegenseitig helfen.

Insgesamt großartig ist die Besetzung in Gesang und Spiel, wobei Gerhaher als Golaud, Sabine Devieilhe als Mélisande und der Arkel von Selig ganz besonders im Gedächtnis blieben. Als Golauds Sohn Yniold brillierte nicht zuletzt der Tölzer Knabenchor-Solist Felix Hofbauer. Was indes zusehends nervte, waren die zahllosen Vorhänge selbst nach einzelnen Szenen. Eine gefühlte Ewigkeit saß man im Dunklen, womit der Erzählfluss jäh unterbrochen wurde. Etwas gewollt zudem das Ende: Bevor Mélisande stirbt, erscheint der eigentlich tote Pelléas aus dem Reich der Toten mit einem kleinen Kind. Es entstammt offenbar der „verbotenen Liebe“ des Titelpaars. Das hätte man auch anders lösen können. (Marco Frei)

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