Kultur

Gerhard Rießbecks Ölgemälde „Großer Eisberg“ misst zwei auf drei Meter. (Foto: Kunsthalle Schweinfurt)

09.11.2018

Faszinierende Eiswelten

Weiß als Herausforderung: Die Kunsthalle Schweinfurt zeigt Gemälde von Gerhard Rießbeck

E isfreund heißt die Präsentation mit rund 50 meist neuen Bildern und Arbeiten von Gerhard Rießbeck (1964 in Lichtenfels geboren) in der Kunsthalle Schweinfurt. Ihn faszinieren die Weite, das Weiß, die Unberührtheit der polaren Landschaft in der Arktis und in der Antarktis, wo er 2001 und 2005 an mehrwöchigen Expeditionen teilnehmen konnte und wohin es ihn immer wieder zieht, ebenso wie nach Island, Norwegen, Grönland und Spitzbergen. Die Landschaften dort inspirieren den Maler zu Bildern, die nach Skizzen vor Ort im Atelier entstehen, weil die Ausmaße seiner Gemälde sowie die Widrigkeiten der Natur in diesen eisigen Gefilden das einfach gebieten. Die größte Arbeit Rießbecks in der Kunsthalle ist der Bilderträger an der nördlichen Wand: 7,5 Meter hoch und fünf Meter breit, zusammengesetzt aus mehreren Teilen. Wie eine Christophorus-Figur stapft ein riesiger, auf zwei Stöcke gestützter, in einen unförmig dicken Anzug gehüllter Mann durchs Schneetreiben; auf dem Rücken trägt er Leinwände. Von seinem unter der Kapuze mit gezacktem Rand nicht sichtbaren Gesicht geht ein „Sehstrahl“ aus, erinnernd an eine Stirnlampe, deren Licht sich dann an der weißen Wand verliert.

Schutzraum der Phantasie

Weiß ist für den Maler eine Herausforderung. Weiß sind der Schnee, das Eis, die polare Landschaft. Weiß ist auch die Metapher für eine unberührte Leinwand, auf der der Maler sein Bild gestaltet. Eine weißes Rechteck klebt an der Außenwand einer Hütte ohne Fenster mit steilem Satteldach: Das Haus ist nicht bewohnbar, es ist eher ein Schutzraum der Phantasie, ein Abbild der Möglichkeit, wie ein Künstler den Raum erfindet für seine Gestaltung.
Neben Schnee und leeren Landschaften ist das Haus ein immer wiederkehrendes Motiv, das Rießbeck auf seinen Bildern variiert: mal aus schmalen, hölzern gemaserten Brettern „gebaut“, mal aus farbigen Latten und auch mit farbigen Bildflächen dekoriert, mal aufgerissen, nur aus Seitenwänden bestehend, mit einem Eisberg im schwarzen Inneren, mal sich im Wasser spiegelnd, mal geradezu in Auflösung begriffen wie bei Ikonostase. Dort haben sich Größen- und Raumverhältnisse verschoben: Auf der Wand, dem Rest eines Hauses, der von seltsam dünnen Stäben gestützt werden soll, befinden sich noch farbige Rechtecke, im Schnee davor ein leerer Rahmen, aber die Schneeflocken davor scheinen riesig. Alles ist Illusion, auch wenn die Schatten realistisch wirken, und das kleine Bild Schnee ist wiederum als Zitat des „echten“ Bildes auch noch eingefügt.
Rießbeck spielt mit Perspektiven, Farben, dem Malvorgang an sich. Die reduzierte Farbigkeit von Wasser, Nebel und Eis, wie auf den früheren Bildern zu sehen, reizte ihn wohl durch ihre verschwimmenden Aufhellungen zum Malen.
Ein Leuchten wie von innen heraus zeigt das Bild Eisfreund: Ein dick eingemummter Polarforscher hält einen Eisbrocken in der Hand, der quasi mystisch leuchtet; dieser diffuse Lichtschein verdeckt das Gesicht des Forschers. Niemals tragen diese Menschengestalten Rießbecks etwas Individuelles, etwas Persönliches; sie wirken anonym, zeigen, wie der Mensch hinter dem Natureindruck zurücktritt.
Das einzig Persönliche in der Ausstellung ist die gut 50-teilige Installation unterwegs, eine Art Erinnerungswand an Rießbecks Reisen. Ohne Menschen kommen die Bilder mit Häusern aus. Diese werden immer mehr zu Relikten, zu einer Bruchbude, zu einem ruinösen Bretterverschlag (wie in Atelier), bis sie sich ganz auflösen in Platten, Latten oder graue Tafeln, die übereinander geschichtet einen leeren, illusionären Raum ergeben wie in Walhalla, eine Art Ruhmeshalle ohne Inhalt. (Renate Freyeisen)

Information: Bis 24. Februar. Kunsthalle, Rüfferstraße 4, 97421 Schweinfurt. Di. bis So. 10 -17 Uhr, Do. 10-21 Uhr.
www.kunsthalle-schweinfurt.de

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