Kultur

Carolin Matzko verarbeitet in ihrem Buch Alte Wut ihre Familiengeschichte. (Foto: dpa/SZ Photo, Catherina Hess)

22.09.2026

Fernsehmoderatorin Caro Matzko im BSZ-Interview: "Keine Lust auf permanente Untergangsstimmung"

Autorin und Fernsehmoderatorin Carolin Matzko über ihr neues Buch, die Geschichte ihrer Familie und die Zukunft des Journalismus

Carolin Matzko wurde einem breiten Publikum als Sidekick in der Late-Night-Show von Hannes Ringlstetter bekannt. In ihrem Buch „Alte Wut“ erzählt sie von ihrer Familiengeschichte – und ihrem Vater, der Mitglied in der AfD ist. Im BSZ-Interview spricht sie zudem über Frauen in den Medien, psychische Erkrankungen und warum sie trotz aller Krisen optimistisch bleibt.

BSZ: Frau Matzko, in Ihrem Buch „Alte Wut“ erzählen Sie von den Folgen des Zweiten Weltkriegs für Ihre Familie sowie von Ihren eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Viele Menschen hätten eine solche Geschichte wohl lieber für sich behalten. Warum wollten Sie dieses Buch schreiben?
Carolin Matzko: Für mich war es eine klare Entscheidung, meine Familiengeschichte zu erzählen, weil das Politische mit dem Privaten bei uns immer damit verwoben war: Mein Vater ist ja AfD-Mitglied. Ich wollte ein Buch über transgenerative Übertragung von Trauma schreiben, das gleichzeitig ein Roadmovie ist und auch die psychischen Parameter für Radikalisierung beleuchtet. Die Entscheidung, extrem und aus Protest zu wählen, hat viel mit Enttäuschung und einem Gefühl von Minderwertigkeit und Opfertum zu tun. Mich hat die soziologische Studie von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey sehr beschäftigt, die im Buch „Zerstörungslust“ veröffentlicht wurde. Vieles, was dort erhoben wurde, warum Menschen radikal werden, konnte ich auch in unserer Familie wiederfinden. Aber ich bin keine Expertin für Radikalisierung und ich wollte kein wissenschaftliches Buch schreiben – ich wollte einfach unsere Geschichte unterhaltsam aufschreiben und damit ein Angebot für den Diskurs machen.

BSZ: Sie sind Radiomoderatorin auf Bayern 2, moderierten im Fernsehen Jugendformate auf ARD alpha sowie 800 Wissenssendungen auf Arte und in der ARD. Außerdem waren Sie Sidekick in der Late-Night-Show von Hannes Ringlstetter. Wollten oder mussten Sie so viel arbeiten?
Carolin Matzko: Ich habe früh gesagt bekommen: „Wir werden auf keinen Fall für Sie und Ihr Leben finanzielle Verantwortung übernehmen, also stellen Sie sich breit auf.“ Da ich ADHSlerin bin, interessiere ich mich für alles und hatte und habe keinen klassischen Schwerpunkt, über den ich berichte. Ich hatte im Studium gelernt: Auch wenn ein Thema noch so abwegig ist – wenn man sich einliest, eröffnet sich ein neues Universum. Sonst hätte ich mir das Leben in München nicht leisten können.

BSZ: Sie sind in Ulm geboren. Wie haben Sie Ihre Studienzeit in München in Erinnerung?
Carolin Matzko: Ich war damals unfassbar orientierungslos. Es hat mehrere Semester gedauert, bis ich nicht mehr in die falschen Räume gelaufen bin. (lacht) Aber weil zwei andere Trottel genau wie ich vor dem falschen Vorlesungsraum gestanden sind, habe ich zwei richtig gute Freunde gefunden. Ich hätte mir damals gewünscht, mehr an die Hand genommen zu werden und früher gewusst zu haben, was Studieren bedeutet. Lange habe ich nicht verstanden, was ich überhaupt leisten soll. Damals dachte ich, ich bin zu blöd für die Uni. Was aber in Wahrheit nicht wahr war – immerhin habe ich meinen Abschluss doch noch hingekriegt. Aber sollte das hier jemand lesen, der oder die sich in einer ähnlichen Krise befindet, kommt hier meine Botschaft: Ihr schafft das auch, wenn ich das hingekriegt habe!

BSZ: Sie haben Ihr Studium unterbrochen und sind zum Jugendradio Dasding des SWR gegangen. Warum?
Carolin Matzko: Ich hatte in Wahrheit direkt nach dem Abi weder die nötige innere Ruhe noch die nötige Reife, um mich auf ein Studium zu konzentrieren. Darum war es gut, dass ich mein Politikstudium nach zwei Semestern für einige Zeit auf Eis gelegt habe und zum Radiosender Dasding des SWR in Baden-Baden gegangen bin. Da wurde ich richtig ins kalte Wasser geschmissen – aber ich habe gemerkt, dass es genau das Richtige für mich ist. Zum Glück gab es damals die Auflage des SWR, dass man maximal zwei Jahre beim Jugendsender Vollzeit arbeiten kann, dann aber sein Studium zu Ende bringen muss. Das habe ich dann auch gemacht. Und habe an der Uni die Grundlagen für ein Verständnis von Politik und Gesellschaft mitgenommen. Besonders präsent blieb mir mein Abschlussthema im Nebenfach Soziologie über die Theorie der feinen Unterschiede von Pierre Bourdieu. Seinen Namen habe ich mir sogar auf ein T-Shirt gedruckt – und es im Fernsehen in der Sendung „Ringlstetter“ getragen und positive Zuschriften von Soziologie-Fans erhalten.

BSZ: Sie setzen sich seit Jahren für mehr Frauen in Spitzenpositionen ein. Welche Veränderungen wünschen Sie sich, damit mehr Frauen in Führungsetagen kommen?
Carolin Matzko: Universitäten wurden früher für Männer geschaffen. Und ein wenig scheint sich von dieser „Bastion“ bis in die Jetztzeit herübergerettet zu haben. Männer haben bis heute starke Netzwerke. Das kenne ich auch aus der Unterhaltungsbranche, wo Frauen bis heute oft außen vor sind. Ich habe das lange als wahnsinnig mühsam und entwürdigend erlebt.

BSZ: Haben sich die Herausforderungen für Frauen in den Medien in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht verändert?
Carolin Matzko: Beim Hörfunk und im Print habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es gilt dort nach wie vor das gesprochene Wort. Aber im Bereich der Fernsehunterhaltung wird der Mensch, der vor der Kamera steht, optisch bewertet – insbesondere Frauen. Egal, wie du aussiehst: Du wirst immer mehr nach ästhetischen und sexualisierten Parametern beurteilt. Und was mich immer sehr beschäftigt hat: Auch Frauen haten Frauen auf Social Media. Und das bringt uns nicht voran: Anstatt uns Steine in den Weg zu legen, sollten wir mehr und besser zusammenhalten.

BSZ: Sie sind auch Dozentin an der Deutschen Journalistenschule (DJS). Was geben Sie den jungen Menschen dort mit?
Carolin Matzko: Ich habe dieses Schuljahr zusammen mit der DJS-Leiterin Henriette Löwisch den Workshop „Andersdenkende aushalten“ initiiert, in dem wir die Meinungsvielfalt im Journalismus und den journalistischen Umgang mit Vertretenden extremer Parteien beleuchten. Der Umgang mit den jungen Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten bedeutet mir viel – und der Austausch mit ihnen erinnert mich daran, warum ich diesen Job mal begonnen habe. An der DJS landet die junge Crème de la Crème – aber trotz dieser guten Startrampe, die die jungen Menschen haben, spiegeln sie mir auch eine große berufliche Zukunftsangst. Ich halte Journalismus für einen der großartigsten Berufe dieser Welt und versuche, ihnen Mut zu schenken. Aber die Sorgen dieser tollen jungen Talente schmerzen mich. Die Disruption durch KI steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ich glaube an menschengemachten Journalismus und an natürliche Intelligenz – die Leidenschaft meiner Studierenden stimmt mich kämpferisch und hoffnungsvoll. Ich habe keine Lust auf permanente Untergangsstimmung. Wenn du diesen Job machen willst und du dafür brennst: Go for it.

BSZ: Sie waren 2022 Mitglied der Bundesversammlung für die Wahl des Bundespräsidenten und haben für Ihr Buch den „Brückenbauer“-Preis der bayerischen SPD-Landtagsfraktion erhalten. Denken Sie über eine politische Karriere nach?
Carolin Matzko: (lacht) Nein, auf keinen Fall. Dafür bin ich nicht diplomatisch genug und habe zu sehr das Herz auf der Zunge. Ich weiß gar nicht, warum die SPD mich damals nominiert hat. Vielleicht kannten sie mich aus der Ringlstetter-Sendung oder wollten einfach mal nur ein Achtel mit mir trinken gehen. Das ist ja auch ein Grund. Aber ich bin froh, dass es die SPD in Bayern noch gibt. (Interview: David Lohmann)

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