Kultur

Der Gefängnisaufseher Frosch – eine Paraderolle für Michael Dangl. (Foto: Michele Monasta)

14.04.2022

Flott und charmant

Eine neue „Fledermaus“ am Gärtnerplatztheater: Gekonnt-leichter Operettenschmelz

Als sich die Szene zum zweiten Akt auftut, gehen manche Herzen hörbar auf: „Ah, wie schee!“ Eine ältere Besucherin freut sich ganz besonders über das Bühnenbild von Rainer Sinell. Sie stammt aus Wien, lebt seit 52 Jahren in München. Die Arbeit hat sie von der Donau an die Isar getrieben. Als der Vorhang einen Schönbrunn-ähnlichen Schlosspark auf der Bühne freilegt, flüstert sie: „Mei, des is halt Wien.“

Keine Frage: Josef E. Köpplingers Inszenierung der Operette Die Fledermaus von Johann Strauss, die am Münchner Gärtnerplatztheater Premiere feierte und im Januar bereits in Florenz am kooperierenden Maggio Musicale gezeigt wurde, generiert tolle Bilder. Das findet auch die ältere Dame. Nur, dass Ausstatter Alfred Mayerhofer den Alfred von Lucian Krasznec im „Unterrock“ durch die Szene jagen lässt, findet sie nicht so toll.

Sei’s drum: Ein echter Köpplinger ist diese Regiearbeit geworden. Der Intendant weiß eben, wie man Operetten flott und mit Charme inszeniert. Ein Regietheater, das alles gegenbürstet, um irgendetwas Neues aus dem Hirn zu pressen, ist dem Österreicher genauso fremd wie eine missverstandene, verstaubte Werktreue.

Zeitgemäß justiert

Das offenbarte nicht zuletzt der finale dritte Akt. Er gilt gemeinhin als unnötiges Anhängsel einer an sich zu Ende erzählten Geschichte – nicht so bei Köpplinger. Hier drehen die Handlung und Aktion erst richtig auf. Dafür sorgt nicht zuletzt der herrlich witzige, grantig-wienerische, dauerbetrunkene Gefängnisaufseher Frosch von Michael Dangl. Mit irrer Mimik und trottliger Gestik feuert der Schauspieler aus Salzburg die Pointen ab, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Für diese Sprechrolle zumal hat Köpplinger den Text eigens zeitgemäß justiert.

Natürlich darf die Aktualität nicht fehlen: Hier ist es der rege Wechsel der Bundeskanzler und Regierungen in Österreich, und natürlich die Corona-Pandemie samt Abstands- und Distanzregeln. Sonst aber spielt diese Fledermaus in Baden bei Wien der 1920er-Jahre.

Aus der Ouvertüre wird eine Art Vorspann wie in einem Stummfilm. Hier werden zugleich die Charaktere definiert. Als divahafte Rosalinde vermag Jennifer O’Loughlin genauso zu glänzen wie Ilia Staple als ihr freches Stubenmädchen Adele. Ein Charmeur im besten Sinn ist der Hausfreund Falke von Daniel Gutman. Der coronabedingt eingesprungene Reinhard Mayr verblüfft als Gefängnisdirektor Frank zusätzlich mit tollkühner Akrobatik. Charme wirft Daniel Prohaska als Hausherr Gabriel um sich, auch wenn gesanglich seine Höhen etwas schwächeln. Auch zwei Russen sieht der Stoff vor: Bei Köpplinger knistert zwischen Prinz Orlofsky (Emma Sventelius) und seinem ständigen Begleiter Iwan (Alexander Jürgens) viel Homoerotik.

Das alles gelingt auch deswegen flüssig, weil Chefdirigent Anthony Bramall ein feines Gespür für Agogik und Gesang hat. Wer diese Operette schon in Berlin erlebt hat, liebt das Orchester in München umso mehr. Als die Berliner Philharmoniker zuletzt bei ihrem Silvesterkonzert die Fledermaus-Ouvertüre spielten, polterte es wie beim Einmarsch preußischer Truppen in Österreich. Ganz anders das Gärtnerplatz-Orchester: In jedem Moment war ein nobler, leichtfüßiger Schmelz hörbar. (Marco Frei)

 

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