Kultur

"Die gelbe Kuh" (Skizze/Erste Fassung, 1911) von Franz Marc. (Foto: Punctum/Peter Franke)

05.08.2022

Fulminantes Leuchten

Die Ausstellung „Brücke + Blauer Reiter“ in Bernried offenbart Gemeinsames und Trennendes im Expressionismus

Man versuchte zwar gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber ein Schock war es schon, als Hermann Gerlinger seine fulminante Kunstsammlung mit Schwerpunkt Expressionismus wieder aus Bernried zurückgezogen hat. Zehn Jahre mindestens hätte sie dort bleiben und Lothar-Günther Buchheims Bestände fast verdoppeln sollen: Jetzt wird sie versteigert. Aus dem Buchheim Museum kommt eine unüberhörbare Antwort. Man hat sich mit den Kunstsammlungen Chemnitz und dem Von-der-Heydt-Museum Wuppertal zusammengetan: Brücke + Blauer Reiter heißt die Ausstellung, die auf ihrer Tournee aktuell in Bernried am Starnberger See ihren letzten Halt macht. Sie zeigt allein 100 Gemälde der prominentesten Vertreter*innen der beiden tonangebenden Gruppen im Expressionismus, noch mal so viele anderer Künstlerkolleg*innen, dazu Grafik, Briefe, Dokumente.

Pläne zum Museumsausbau

Man kann diese fulminante Schau als ein Fest der Farben genießen. So geht es jedenfalls Walter Schön, dem Vorstandsvorsitzenden der Buchheim Stiftung. Und er kann obendrein auf eine Art Ersatz des Gerlinger-Verlusts durch die Übertragung der Sammlung Hierling aus dem Bereich des realen Expressionismus verweisen. Dann brachte Kultusminister Markus Blume zur Ausstellungseröffnung als Präsent auch noch die Zusage mit, dass mit den Planungen für einen Museumserweiterungsbau fortgefahren werden darf.

Was nun die Wanderausstellung wirklich interessant macht, ist die Erkenntnis, dass es letztlich kaum einen signifikanten, grundsätzlichen Unterschied von Brücke und Blauem Reiter im Rahmen des deutschen Expressionismus gibt. Die Trennlinien verlaufen vielmehr zwischen den Kunstschaffenden, ihrer Herkunft, ihren Verbindungen, ihren Individualitäten. Daniel Schreiber, Direktor in Bernried, spitzt die gemeinsame Erkenntnis zwischen Wuppertal, Chemnitz und Bernried zu: Die Brücke aus Dresden sei ein erster Schritt in Richtung Abstraktion, der Blaue Reiter aus München und aus dem bayerischen Oberland sei eine Weiterentwicklung. Und deshalb stehe nicht ein Trennstrich im Titel der Ausstellung, sondern das verbindende „+“. Und sie sei nicht nur eine Aufforderung zum genussvollen Betrachten, sondern zur Wahrnehmung der Vielfalt, die diesen Abschnitt der Kunstgeschichte kennzeichne: mit großen Unterschieden, aber gemeinsamen Harmonien, Kontrasten und deutlicher Nähe, klaren Grenzen und bestechenden Analogien. Schreiber wagt die Aussage: „Franz Marc hätte auch bei der Brücke gut unterkommen können. Die Risse verlaufen nicht zwischen, sondern innerhalb der Gruppen.“

Wenn man dann mehr oder weniger zufällig beim Rundgang in der Abteilung der „nackten Badenden“ verweilt, kann man das Gesagte tatsächlich verifizieren: zwischen Ernst Ludwig Kirchners Vier Badende und Franz Marcs Zwei stehende Mädchenakte mit grünem Stein, zwischen den Badenden von Erich Heckel (Am Waldteich) und denen von Otto Mueller (Zwei badende Mädchen). Immer wieder sind in der Ausstellung solche Parallel- oder Gegensatzpaare zusammengehängt: Packend die Analogien von Karl Schmidt-Rottluffs Lesende und Alexejs von Jawlenskys Kopf in Blau.

Viele Bilder haben dieses unwahrscheinlich Leuchtende, das diese ganze Ausstellung auszeichnet. Heckels knalliges Rot für den Schlafenden Pechstein, das geheimnisvolle Blau von Jawlenskys Die schwarzen Augen im paarweisen Vergleich.

Didaktisch geleitet

Man kommt kaum nach mit der Aufzählung der prominentesten Zeugnisse des Expressionismus und solchen Vergleichen. Und wenn man sich vergewissern will, wer und was denn nun Brücke oder Reiter ist, helfen einem die praktischen Bodenbeschriftungen mit zuordnenden Symbolen. Auf den farblich signifikant gestrichenen Wänden hängen thematische Gruppierungen, ähnliche Formate und auch Beweise für die zunehmend wichtige Rolle der Frau in der Malerei – auch wenn Gabriele Münter in eine dunkle Ecke abgeschoben erscheint –, für die imperialistisch-koloniale Sicht auf das „Primitive“ in der Kunst weit entfernter Weltgegenden. All diese Themen behandelt auch der umfangreiche Katalog. Das gastronomische Leitmedium Guide Michelin empfiehlt zu Häusern mit drei Restaurant-Sternen „Vaut un voyage“. Übertragen: Auch diese Ausstellung ist eine Reise wert. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 13. November. Buchheim Museum, Am Hirschgarten 1, 82347 Bernried.

 

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