Kultur

Enden bald im Sanatorium: die illustren Gäste des noblen Provinzhotels in Rossinis Reise nach Reims. (Foto: Anna Schnauss)

23.10.2026

Gärtnerplatztheater: Ein Hotel wird zur Irrenanstalt

Originell und witzig: Rossinis „Viaggio a Reims“ feierte jetzt am Münchner Gärtnerplatztheater Premiere

Diese Münchner Erstaufführung ist ziemlich mutig. Immerhin hatte diese Oper von Gioachino Rossini erst bei den Pfingstfestspielen im nahen Salzburg Premiere. Die Inszenierung von Barrie Kosky war auch im Salzburger Festspiel-Sommer zu erleben, natürlich mit dabei die große Sängerin Cecilia Bartoli. Mit der Neuproduktion der Oper Il viaggio a Reims setzt sich das Gärtnerplatztheater also selbst einem direkten, durchaus riskanten Vergleich aus. Es hat sich gelohnt.

Diese Premiere der neuen Gärtnerplatz-Saison braucht sich hinter den berühmten Festspielen in Salzburg nicht zu verstecken. Das Solistenensemble präsentiert sich in Gesang und Darstellung fast durchwegs von allerbester Seite. Stilgerecht und höchst agil das Gärtnerplatz-Orchester unter Enrico Lombardi, und die Regie von Dirk Schmeding ist überaus originell und witzig.

Die Münchner Erstaufführung ist durchwegs gelungen, trotzdem kommt sie reichlich spät. Lange galt diese Oper als verschollen, aber: Schon Mitte der 1970er-Jahre wurde die Partitur in der Bibliothek des Santa-Cecilia-Konservatoriums in Rom wiederentdeckt. Claudio Abbado dirigierte 1984 eine erste Aufführung des Werkes nach 130 Jahren. Dieses „Dramma giocoso“ ist die wohl skurrilste Kreation aus der Feder von Rossini.

Allein die Handlung ist recht bizarr. Eine kunterbunte Mischpoke aus aller Welt ist auf dem Weg nach Reims zur Krönung von Karl X. und steigt in dem Hotel „Zur goldenen Lilie“ in den Vogesen ab. So heißt die Oper auch im Untertitel. Dort wird die Truppe von Madame Cortese empfangen (schlicht stupend: Jennifer O’Loughlin).

Ein urkomischer Kultur-Clash

Was dort abgeht, ist ein urkomischer Kultur-Clash. Das alles ist kräftig gewürzt mit interkulturellen Klischees, und dies auch in der Musik. Da ist der Baron Trombonok (herrlich: Levente Páll): Er ist nicht nur ein deutscher Major mit zackigem Befehlston, sondern liebt auch Musik. Die Kunst des deutschen Kontrapunkts verehrt er ganz besonders. Als Franzose jagt wiederum Chevalier Belfiore (Andrés Agudelo) den Frauen hinterher, vor allem der Comtesse Folleville (Andreja Zidaric).

Der russische General Libenskof (Gyula Rab) ist ein dem Alkohol nicht abgeneigter Hitzkopf. Er ist in die Marchesa Melibea aus Polen verliebt (witzig: Anna Agathonos). Auf sie hat auch Don Álvaro aus Spanien ein Auge (Matija Mei(´c)). Dagegen ist Lord Sidney aus England heimlich in die römische Starsängerin Corinna verliebt (schlicht überragend in Gesang und Spiel: Ludwig Mittelhammer). Man kann es ihm nicht verdenken: Wie Corinna, begleitet von einer Harfe, ihre Arien trällert, das zieht in den Bann (ausdrucksvoll: Réka Kristóf).

Die Inszenierung zeichnet sie als Mimose mit großer Schleife und Pyjama (Kostüme: Britta Leonhardt). Sie haust zudem im Harfenkasten. Sonst aber wird aus dem Grand Hotel bald ein groteskes Sanatorium (Bühne: Robert Schweer). Das alles funktioniert prächtig, weil Schmeding ganz auf das spielfreudige Ensemble setzt. Raffiniert die Personenführung und die Pointen: Diese Inszenierung übertrifft jene von Kosky in Salzburg, absolut sehens- und hörenswert. (Marco Frei)
 

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