Kultur

Mutiert Fundamentalisten: Johannes Schäfer als Moses. (Foto: Arno Declair)

05.10.2012

Gaga-Sause über den Exodus

"Moses – Ein Mash-up-Musical" am Münchner Volkstheater

Die Hebräer sind auch bloß Ossis, zumindest im alten Ägypten. Darum reden sie in dieser Aufführung manchmal Sächsisch. Ansonsten kraxeln sie als geknechtete Underdogs des Pharaonen-Reiches in Lumpen auf Müllhalden herum und suchen nach Abfällen, die sich in Dosenpfand ummünzen lassen.
In einem Setting, wo man auch die „Heilige Johanna der Wertstoffhöfe“ ansiedeln könnte, inszeniert Simon Solberg am Münchner Volkstheater altehrwürdigen Bibelstoff fernab aller Oberammergau-Betulichkeit: Moses heißt die Slumdog-Show, die den Auszug aus Ägypten als „Mash-up-Musical“ präsentiert: als schrille Mischmasch-Groteske, die Bibel-Rezitation mit Seifenopern-Slang kreuzt und mit einer trashigen Soundkulisse von Pop bis Hiphop hinterfängt – wenn nicht grad Also sprach Zarathustra ertönt.
Moses (Johannes Schäfer) ist in diesem Schrott-Ambiente ein Rapper, der vom verhuschten Bürscherl zum Fundamentalisten mutiert („Ich führe euch ins Gelobte Land, koste es, was es wolle“). Wenn er seine maulenden, hungrigen Hebräer mit Manna speist, wird das zur überdrehten Werbeslogan-Parade („Have a break, have a Manna!“); und die Verkündung der zehn Gebote, die Moses vom Müllberg Sinai mitbringt, ist eine Quiz-Show, bei der Gott persönlich ein paar Silberhaar-Engeln an die Wäsche geht. Schließlich hatte er sich zuvor als blonder Rasta-Man entpuppt, der mit tragbarer Nebelmaschine einen auf brennender Dornbusch macht. Dem folgt deutscher Gesang von „Deichkind“.
Ist das blasphemisch? Ach Gott! Verbiesterte Spaßbremsen aller Religionen könnten es so sehen in Zeiten, da plötzlich Diskussionen aufflammen, die hierzulande seit 200 Jahren als gegessen gelten.
Auch sonst hat der Regisseur keine Angst vor Fettnäpfchen, wenn er ein Statement zum Nahost-Konflikt einbaut: Als der Pharao nach einer effektvoll-komischen Video-Froschplage die Hebräer ziehen lässt, sagt er nämlich zu Moses, der werde im Gelobten Land erst ein anderes Volk vertreiben und eine Mauer bauen müssen. Und dass die Geschichte vom Goldenen Kalb (aus Restmüll-Tonnen gebaut) als Kritik am Kapitalismus inszeniert wird, versteht sich von selbst.
Überraschender als solche schön selbstironischen Aktualisierungen ist aber etwas anderes. Denn siehe: es funktioniert! Die alttestamentarische Gaga-Sause mit Gesangseinlagen bleibt keine bloße Gaudi, sondern gerade aus der (nie abschätzigen) Parodie heraus wird plötzlich die mythische Wucht des Stoffes ebenso gegenwärtig wie sein menschlicher, ja allzumenschlicher Gehalt.
Solbergs rasantes Recycling-Theater erweist sich als überraschend „nachhaltig“. Schön, dass er nach mäßigen und nur möchtegern-anarchischen Talentproben am Volkstheater endlich mal die (Rampen)-Sau rauslässt. Das Ergebnis ist eine hinreißend witzige, unterhaltsame und zugleich packende Exodus-Farce. (Alexander Altmann)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 29 (2018)

Umfrage Bild
  • Ich habe die Hinweise zum Datenschutz und die AGB's zur Kenntnis genommen.
Abstimmen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
 
Unsere Umfragen sollen Trends aufzeigen und haben keinen repräsentativen Charakter. Eine unsachgemäße Beeinflussung bei Onlineumfragen ist nicht auszuschließen.

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Juli 2018 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Daniel Föst,
Vorsitzender der Bayern-FDP und baupolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion

(JA)

Volkmar Halbleib, Parlamentarischer Geschäftsführer und wohnungsbaupolitischer Sprecher der Landtags-SPD

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2017

Ausgabe vom
24. November 2017

Weitere Infos unter Tel. 089/290142-65 oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download (PDF, 18 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.