Kultur

Semjon (Lorenz Hochhuth) albert herum und gibt auch schon mal Jesus am Kreuz – als Anspielung auf seine Opferrolle im Polit-System. (Foto: Gabriela Neeb)

12.11.2021

Ganz schön verkalkuliert

Das Münchner Volkstheater begeistert vor allem das junge Publikum mit „Der Selbstmörder“

Ha, minutenlanger, vor allem hörbar jugendlicher Jubelapplaus! Der war auch heiß ersehnt. Das vor Kurzem im Schlachthofviertel blitzblank fertiggestellte Münchner Volkstheater braucht jetzt auch mal etwas Neues, will heißen: mehr junges Publikum. Und da hat Hausherr Christian Stückl sehr geschickt den Rattenfänger von Hameln gegeben: mit Nikolai Erdmans satirischer Komödie Der Selbstmörder aus dem Jahr 1928. Den Text wie auch seine Inszenierung modellierte Claudia Bossard auf die Gegenwart hin. Die hier durchgehend junge Besetzung wirft sich lustvoll ins Spiel, schlürft am Ende glückselig erschöpft die tosende Anerkennung.

Aber ist Erdman (1900 bis 1970) für uns überhaupt aktuell? Zum einen nimmt er die Spießer aufs Korn, die es sich nach der russischen Revolution in der NEP, der Neuen Ökonomischen Politik von Lenin und Trotzki wieder gemütlich machten. Zum andern hat er mit seinem Antihelden, dem arbeitslosen Semjon, den harten Sowjetalltag im Visier. Dafür schickte ihn Stalin, ab Ende der 1920er-Jahre unumschränkter Diktator, in die Verbannung – was Erdman als Dramatiker verstummen ließ. Die Arbeitslosigkeit, das Gefühl des Überflüssigseins: Doch, das könnte – mit pandemiebedingten Geschäftsaufgaben, freien Kunstschaffenden und mittellosen Flüchtlingen – durchaus ein Link zum Hier und Heute sein.

Zum Suizid überredet

Nächtens also gelüstet es Semjon (Lorenz Hochhuth) nach Leberwurst. Es kommt zu Vorwürfen seiner ungut geweckten Mascha (Carolin Hartmann), gar zum Streit. Und als Semjon verschwindet, befürchtet sie, er könne sich etwas antun. Bald sind alle Nachbarn alarmiert. Und wo ein künftiger Toter vermutet wird, da sind auch schnell die Hyänen. Drei spezielle Society-Exemplare, ein wenig verschieden von den Erdman-Originalen, bringen es fertig, aus politisch ehrgeizigem Kalkül oder privaten Interessen den armen Semjon zum Selbstmord zu überreden. Der solchermaßen argumentativ Eingekreiste fühlt sich mit baldiger Todesaussicht plötzlich aber wie befreit: „Zum ersten Mal in meinem Leben fürchte ich mich vor niemand! Ich muss sowieso sterben.“ Allein Semjons existenzieller Befreiungsschrei ist die Eintrittskarte wert.

Er kneift, man ahnt es, am Ende trotzdem. Aber bis dahin bleibt es amüsant, wie hier eine verspätete Hippiekommune – die Frauen in handgefertigtem postmodernem Löcher-Look, die Männer langmähnig – ständig unterwegs ist auf dieser wie flüchtig zusammengesteckten Pappmaschee-Bühne. Dies ist wohl eine Metapher für die prekäre Existenz. Privatheit ist hier ausgeschlossen: Immer wieder schauen abgetretene Figuren per Videoaufnahme von den oberen Fensterspalten rechts und links zu, was unten so abgeht. Man parliert mit dazwischengeworfenen modischen Englischfloskeln. Eine Combo erfreut an Tasten- und Streichinstrumenten. Mit dem Austro-Hit I wü nur zruck zu dir beschwört eine Liebesentfesselte den abwesenden Partner. Und Semjon, mit seiner Papierkrone, zitiert zwischendurch den Sein-oder-Nichtsein-Hamlet.

Schließlich kutschiert die Bande in einem schrottreifen Mercedes an den kleinen Wannsee, einst Ort des Doppelselbstmords von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel.

Man konstatiert: Bis etwa zur Hälfte ist Erdmans Satire sinnvoll in die Gegenwart fortgeschrieben. Dann schweift diese Fassung ab in historische Selbstmordfälle und Entertainment. Immerhin Respekt vor dem Aktualisierungsversuch eines wichtigen Stückes. (Katrin Stegmeier)

 

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