Kultur

Filmstill aus "Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht" mit den Puppen von Suse Wächter. (Foto: Brechtfestival)

05.03.2021

Genial genutzte Online-Bühne

Das diesjährige Brechtfestival ist wie ein Multitasking-Gesamtkunstwerk gestaltet

Die Schauspielerin Corinna Harfouch sitzt in einer Ecke vor einer Ziegelwand in eleganter indirekter Beleuchtung, liest aus Simone Weils Tagebuch einer Fabrikarbeiterin. Gegengeschnitten wird das immer wieder mit Passagen aus Bertolt Brechts Die Mutter, gespielt mit Stabpuppen. Beide Werke sind elegant zusammengerührte Klassiker der Literatur des Arbeiterkampfs, wissend, was man heute immer noch weiß, nämlich, dass der ungebremste Kapitalismus mit der ihm innewohnenden sozialen und ökonomischen Instabilität nicht zwingend der logische Schlusspunkt aller historischen Entwicklung ist.

Beim Augsburger Brechtfestival, heuer komplett ins Internet verlegt, wechseln sich solche Klassiker unentwegt ab mit hellwacher, spielerischer Annäherung an den großen Sohn der Stadt. Finanziell offenbar durchaus hinreichend ausgestattet, haben die Festivalleiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner hinreißende Lösungen gefunden, sich in vielerlei Machenschaften, Such- und Tastbewegungen und in beschwingter Kreativität dem thematischen Koloss so zu nähern: Es ist eine Art Party mit ganz vielen Gästen entstanden, bei der viele viel zu sagen, zu singen, zu lesen und zu erzählen haben.

Da kommen Schauspielerinnen wie Corinna Harfouch herbei und auch Stefanie Reinsperger, die unter dem Titel Ich bin ein Dreck Texte zusammenrührt von Brecht, Margarete Steffin, Inge Müller und Helene Weigel. Daraus macht sie, unterstützt von ihren Kollegen Wolfgang Michael und Julian Keck, eine Art Albtraumschussfahrt in die Selbst- und Fremdausbeutung unbedingten Kunstwollens und thematisiert das Verletzen und Verletztwerden in Brechts unmittelbarem Umfeld.

Die Zentralfigur des Festivals wird auf keinen Altar gestellt und angehimmelt, sondern auch hinterfragt, entlarvt und vom Sockel des Genies geholt. Es wird auch thematisiert, wie Brecht im Kollektiv gearbeitet und am Schluss dennoch den Stempel „von BB“ draufgebrannt hat. Der Erzähler und Cellist Frank Wolff erklärt in Tanz den Brecht, wie eigentlich die Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann große Teile der Dreigroschenoper erarbeitet hat – bei und nach der Premiere im Jahr 1928 war davon aber keine Rede mehr.

In diesem Festival tragen viele mit Witz und Spiel dazu bei, das Bild des modernen Klassikers zu runden und zu schärfen. Ein Großer bleibt er ja trotzdem.

Großer visueller Aufwand

Eine bemerkenswerte Idee ist es, wenn die Schauspielerin Sophie Rois die Übersetzungen von Brechts Kalendergeschichten in einfacher Sprache liest und Katia Fouquet das Ganze grafisch in Form eines Trickfilms wunderbar gestaltet hat.

Wie überhaupt grafische und bildnerische Elemente bei diesem Festival neue Sichträume öffnen, angelegt auch in der visionären Tradition der 1920er-Jahre von John Heartfield bis zur Piscator-Bühne. Es wird großer visueller Aufwand getrieben – es entsteht eine Art Multitasking-Gesamtkunstwerk. Jeden Abend werden allerlei größere und kleinere Beiträge gestreamt.

Auch musikalisch ist das Festival up to date. Es gibt eine Art Poetry-Slam, in dem Lyrik und Jazz-Rock aufeinandertreffen, es gibt Gedichte von Brecht in Spielszenen, wo etwa sein Pflaumenbaum-Gedicht um das Kleinhalten von Individuen übersetzt wird in das Ausbrechen des Einzelnen aus ihn beengenden und bedrängenden Normen. Das alles ist in seiner Vielheit und Buntheit berührend und inspirierend.

Weiter geht es im Live-Stream noch bis zum morgigen Samstag und in der Mediathek bis Sonntag. Beispielsweise mit Meret Becker oder mit Suse Wächter und ihren tollen Puppen. Man kann noch diversen Brecht-Annäherungen begegnen und sich darüber freuen, wie kreativ allmählich mit dem Internet als Bühne für solche Festival-Formate umgegangen wird. Augsburg ist mit dem Staatstheater, das zusammen mit dem Brechtbüro im Kulturamt der Stadt für das ganze Verfahren zuständig ist, sowieso ein Hort für solche neuen Präsentationsformen geworden. (Christian Muggenthaler)

 

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