In München heißt es Allianz Arena, im alten Rom hieß es Kolosseum. Beide verkehrstechnisch bestens angebunden: das eine an die U-Bahn und die Autobahn, das andere damals an ein innerstädtisches Fernstraßenkreuz. Am einen Ort treten heute die Stars vom FC Bayern München auf, im römischen Amphitheater waren es die besten Gladiatoren des römischen Weltreichs.
Wenn die Archäologische Staatssammlung in München dem Publikum in einer Sonderausstellung die Helden des Kolosseums vorstellt, gibt es also genug Anknüpfungspunkte zur heutigen Zeit. Dazu gehört auch der gigantische Bau in Rom mit seinen 70.000 Plätzen, der im gesamten Römischen Reich nachgeahmt wurde: von Rom, Neapel, Verona bis El Djem (Tunesien), Nîmes oder gar im rätischen Künzing, das heute noch als Leihgeber für die Ausstellung auftritt.
Im Mittelpunkt des Ganzen und in geheimnisvollem Dunkel: die Kämpfer, die von der Hauptstadt bis in die Provinz auftraten, als Sagittarius, Provocator oder Scissor. Man begegnet ihnen in der von Rossella Rea kuratierten und per Video vorgestellten Ausstellung: „würdig, mutig, todesbereit“, im Kampf mit anderen Gladiatoren (Gladis = Schwert), gegen Tiere und gegen Maschinen.
Meist waren es Kriegsgefangene oder Sklaven
Nicht das Torverhältnis entschied damals über Sieg und Niederlage, sondern das Urteil des Publikums oder das eines anwesenden Imperators. Das Vorbild für die Gladiatoren waren die römischen Soldaten und ihre Armeen. Meistens waren es Kriegsgefangene oder Sklaven, sie lebten auch in einer hierarchischen Ordnung, hatten einen ähnlichen Tagesablauf, hatten Trainingsstätten gleich neben den Kasernen.
Und vom römischen Legionär und seiner Bewaffnung geht auch die Ausstellung in München aus: Schild, Schwert, Speer, Helm, Beinschienen – alles prächtig geputzt. Auch die Kampftechniken hatten sich die Show-Kämpfer von den Soldaten abgeschaut. Ziel war bei den einen die Ausweitung des Römischen Reiches, bei den anderen der große Auftritt im Kolosseum.
Und deshalb zeigt die Ausstellung auch die Büsten der drei Kaiser, unter denen der Prachtbau errichtet wurde: Vespasian, Titus, Domitian. Deren römische Arena war denn auch ein Bau von Symbolkraft.
Das alles kann man in der Staatssammlung auch multiperspektivisch betrachten: Touchscreens und Texttafeln informieren über den Bauplatz des Kolosseums, das auf der zerstörten Palastanlage Kaiser Neros errichtet wurde, über die Finanzierung aus dem geraubten Tempelschatz, den Titus aus Jerusalem mitgebracht hatte, über die Lage mitten in der Stadt mit den vier hierarchisch angeordneten Rängen samt Sonnensegel. Das Platzangebot: 70.000 in München/Rom, 40.000 in Capua (immerhin gab es dort die führende Gladiatorenschule), 25.000 in den Provinz-Hauptstädten – damals und heute immerhin noch geeignet für „Tauromachien“ (Tierhetzen), für Stierkämpfe in Arles oder für Opernvorstellungen in Verona. Im rätischen Künzing gab es nur einen Zuschauerrang, das Ganze war aus Holz und hielt 40 Jahre lang.
Das alles muss man wissen, bevor es in der Ausstellung mit Bildern, Objekten, Videos und Erläuterungen oder Führungen, sogar Boxtrainings um die Hauptsache geht: Kriegsgefangene und Sklaven wurden als Gladiatoren bald zu wertvoll, deshalb wurden sie schnell zum „Abschaum der Gesellschaft“, der gehandelt, verurteilt und zum Kämpfen eingesetzt wurde. Wer nach einem Gerichtsurteil „ad gladium“ verurteilt wurde, war meist ein untrainierter Kämpfer, der Auftritt quasi ein Todesurteil, während „ad ludum“ Verurteilte die Freiheit nach drei Jahren Gladiatorenleben erlangten.
Freiwillige konnten auf Bezahlung, Training, Unterkunft und ärztliche Versorgung zählen. Die Ernährung der Gladiatoren jeder Couleur zielte auf Muskel- und Fettaufbau ab. Sie bestand aus Bohnen, Gerstenschleim, frischem Gemüse. Damit gestählt konnte man sich spezialisieren: als Sagittarius mit Pfeil und Bogen, Provocator mit Kurzschwert oder als Scissor mit tödlich geschärfter Waffe.
Kinder können mit Schwert und Helm üben
Und so stehen sie in der Ausstellung denn auch lebensgroß mit wattiertem rechten Arm, Schild und Wurfnetz da. Kinder können in einer Koje wie in Capua mit Schwert und Helm üben. Sie können sich auch prächtig herausputzen: etwa mit einem verzierten Helm, den man in Pompeji gefunden hat, oder der Beinschiene des Murmillo mit einer Minerva-Darstellung.
Über das letzte Kapitel schreibt die Ausstellung: „The game is over!“ Auch Grabinschriften für Gladiatoren sind überliefert. Darauf standen die Anzahl ihrer Siege und die Größe ihrer Familie. Das war dann aber wirklich den Stars vorbehalten.
(Uwe Mitsching)
Bis 3. Mai 2026. Archäologische Staatssammlung. Lerchenfeldstraße 2, 80538 München. Dienstag, Mittwoch, Freitag und Samstag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag und Sonntag 10 bis 19 Uhr.
www.archaeologie.bayern
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