Kultur

Linda Blümchen und Massiamy Diaby überzeugen als Cleo und Funke, die gemeinsam einen Video-Blog betreiben. (Foto: China Hopson)

06.05.2022

Groteske Hirnlosigkeit

„Bitches“ am Münchner Residenztheater: Sexismus und Rassismus im Fokus

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Zeit ziemlich irre ist. Wer aber das ganze Ausmaß dieser „Ver-rücktheit“ erleben möchte, sollte sich dieses Stück ansehen: In Bitches von Bola Agbaje, als deutsche Erstaufführung am Münchner Residenztheater realisiert, klaffen tiefe Abgründe. Sie verbergen sich im Internet. Dort wird vor allem um eines gerungen: die absolute Meinungshoheit.

Auch Cleo und Funke tummeln sich in den Untiefen der Web-Welt. Sie sind Freundinnen und betreiben gemeinsam einen Video-Blog. Dafür nennen sie sich Sons of Bitches, weil sie als junge Frauen das Wort Schlampe zurückerobern wollen.

Cleo ist weiß und Funke schwarz. Während sich Funke in der Bewegung Black Lives Matter engagiert, interessiert sich Cleo mehr für die Resonanz ihrer Auftritte bei den Followern. Beide lieben die überdrehte Performance. Wenn ihre Kamera läuft, singen sie wie die afroamerikanische Sängerin Beyoncé und tanzen wie die hellhäutige Miley Cyrus.

Diese Mischung der Herkunft prägt auch ihre Freundschaft. Vor der Kamera plaudern sie über Make-up, Musik oder Katzen. Hinter der Kamera streiten sie über Geschlechtsteile und Boykott-Politik, über sexuelle und ethnische Diversität, Sexismus und Rassismus. Manche Dialoge sind geradezu bizarr. „Kriegst du deine Tage?“, fragt Cleo. „Weißt du, wie sexistisch das ist?“, entgegnet Funke. „Ich kann gar nicht sexistisch sein, weil wir beide Frauen sind.“

Männer sind also immer Täter und Frauen stets Opfer: weiblich gut, männlich schlecht. Diese pauschal vorverurteilende Sicht ist auch das zentrale Dilemma der MeToo-Bewegung. Obwohl Opfervereine wie der Weiße Ring längst davor warnen, dass Männer zusehends häuslicher und sexualisierter Gewalt von Frauen ausgesetzt sind, wird dieses Thema gänzlich totgeschwiegen. Ein anderes Tabu sind Frauen in leitenden Positionen, die ihre Macht ausnutzen und sich gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anzüglich verhalten. Nur ein Bruchteil wird angezeigt. Die Dunkelziffer ist in diesem Fall hoch – auch bei Kindesmisshandlungen durch Mütter.

Nicht zu Ende gedacht

Und Funke? Sie ist der Meinung, dass sie gar nicht rassistisch sein könne, da sie ja eine Schwarze sei. Das ist natürlich genauso wenig zu Ende gedacht. Das offenbart die jüngere Geschichte Südafrikas. Nach dem menschenverachtenden weißen Apartheidregime kam es in den 1990er-Jahren zu Repressionen gegen die weiße Bevölkerung. Selbst die Kultur wurde ins Visier genommen. Als Ausdruck „weißer Kulturobrigkeit“ gilt allen voran die klassische Musik. Viele weiße Musizierende der Klassikszene mussten ihr Land verlassen. Bis heute hat sich das Klassikleben in Südafrika von diesem Exodus nicht erholt.

Als britisch-nigerianische Autorin ist Bola Agbaje selbst von alltäglichen Rassismen betroffen. Wie sie im Programmheft schreibt, stehe die Frage im Zentrum, ob „wir die Meinung von Männern über Frauen“ genauso ändern wie die „Meinung von Weißen über Schwarze“. Am stärksten sind ihr Stück und die Regie von Philip J. Morris gerade dort, wo in manchen „Argumentationen“ groteske Hirnlosigkeit grinst. In diesen Momenten macht das hinreißende Spiel von Linda Blümchen als Cleo und Massiamy Diaby als Funke deutlich, dass zwischen „gut gemeint“ und totalitärem „Mainstream“ nur ein schmaler Grat liegt. Die Stimmung kann in Sekundenschnelle jäh kippen. Für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ist das die vielleicht größte Herausforderung seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. (Marco Frei)

 

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