Kultur

Karteln, kiebitzen, anbandeln oder vor sich hin dösen: Eduard von Grützner komprimiert in seinem Gemälde "Münchner Bierbeisl" (1890/1898), was man sich idealtypisch und marketingtauglich unter einem Wirtshaus vorstellen sollte. (Foto: HDBG)

06.05.2022

Heimelig im Bierdunst

Die Bayern-Ausstellung in Regensburg erklärt den Wert der Wirtshäuser

Im Jahr 1878 hat der damals noch recht junge Maler Friedrich August Kaulbach („von“ seit 1884) die gleichaltrige 18-jährige Hilfskellnerin Coletta Möritz gemalt: als eine Art maßkrugkredenzendes Model für ein großes Münchner Schützenfest. Recht rasch wurde aus ihr die Figur der „Schützenliesl“, eine wirkmächtige Darstellerin des Wirtshauswesens schlechthin: die mit allen Brauwassern gewaschene Kellnerin, die zusammen mit Wirt oder Wirtin und den Stammtischgästen die Kernbesatzung eines klassischen Wirtshauses bildete und heute noch bildet.

Dieses Personal spielt natürlich eine Rolle in der anrollenden Bayern-Ausstellung im Regensburger Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte (HDBG), die den Titel Wirtshaussterben? Wirtshausleben! trägt und sich ausgiebig der freistaatlichen Gastronomie widmet – natürlich rund um das zentrale Nahrungsergänzungsmittel bayerischer Gesamtsättigung: das Bier. Ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen kennzeichnen den Titel. Und das ist Programm dieser Ausstellung, die nicht nur nach Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch nach der Zukunft der Wirtshäuser in Altbayern, Franken und Schwaben fragt. Denn dass das Wirtshaus, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, seitdem kontinuierlich am Verschwinden und Sterben ist, beweist die Ausstellung mit Statistiken und Informationen.

Die Gründe für den Schwund sind zahlreich. Feinde der Wirtshäuser sind: Getränkemärkte, Vereinsheime, Fernseher, Schnell-imbisse, Personalmangel, Umgehungsstraßen, Rauchverbot, Promillegrenzen und jede Menge staatlicher Auflagen. Bürokratie statt Bierokratie. Das alles macht das Fragezeichen in einer Ausstellung mit 600 Exponaten auf 500 Quadratmetern durchaus sinnstiftend.

Wertvolle Oase

Und weil das HDBG seine Geschichtsexkursionen immer gerne möglichst süffig und sinnlich gestaltet – man kann interaktiv werden, ebenso flippern und kegeln –, ist auch ein wunderbarer, gut 25-minütiger Film von Michael Bauer zu sehen, der allein schon als konterkarierendes Ausrufezeichen dienen mag, weil er zeigt, was das Wirtshaus eigentlich so alles kann. Oder könnte: Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Kultur aufs Land bringen. Erinnerungen prägen. Manchmal gelingt das auch heute noch, meistens aber sperren nach wie vor Wirte eher zu als auf. Und trotzdem werden gute Ideen immer noch belohnt. Manche Gasthäuser boomen und brummen. Dieses Boomen und Brummen hat durchaus Tradition.

Lange galt, dass, wer ohne Stammtisch auskommt, nur ein halber Mensch sein kann. Ein Gemälde von Eduard von Grützner, gemalt Ende des 19. Jahrhunderts, zeigt so einen lauschigen Wirtshaustisch, auf dem gekartelt wird und um den herum man raucht, flirtet, sein Bier genießt, ratscht oder auch einmal ein Nickerchen macht. Lange war die solcherart zelebrierte Gemütlichkeit Werbebegleitung für die weltweit agierende Bierindustrie und hat sich im Kern bis heute als Bayern-Klischee erhalten. Von Chicago bis Tokio: Auf geht’s zum Oktoberfest!

Es sind all diese einzelnen Aspekte rund um die Wirtshauskultur, die die Ausstellung in acht Abteilungen prägen. Die befinden sich rund um eine zentrale Installation, die der Ausstellungsgestalter Friedrich Pürstinger ersonnen hat und die in einer Art eingefrorener Detonation Besucherinnen und Besuchern der Schau Wirtshausinventar um die Ohren fliegen lässt: Tische, Stühle, Speisekarten, Nudelsiebe, Schinkenpresse, Gewürzwaage scheinen da zu wirbeln. Rundherum wird ein assoziativer Wortsalat projiziert. Schließlich geht’s im Wirtshaus immer auch ums Essen und Trinken. Oder um das, was der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer an den Menschen jenseits der österreichischen Grenzen dingfest machte: ein „pantagruelisches Fressen und Saufen“. Weithin spannt die Regensburger Schau hier den kulinarischen Genussbogen: vom Schnupftabak bis zum schwäbischen Krautkrapfen.

Das Thema Wirtshaus ist von den derzeitigen Identitätsdebatten keineswegs zu trennen. Und es ist ein politisches. Auch hier ist die Assoziationsbreite weit genug für ein imaginäres Sprungtuch, auf dem man nachdenken darf über die anarchische Kraft des Beieinanderhockens im Biergarten oder Bierzelt und die einstigen erbärmlichen Brüllattacken eines Adolf Hitler in den Münchner Bierpalästen. Und während der eine heute einfach nur seinen inneren Halt am Henkel seines Maßkrugs sucht, will manch anderer politische Belehrung erheischen am Nockherberg oder beim Politischen Aschermittwoch.

Der Tanzboden, die Kegelbahn, das Bauerntheater, das Nebenzimmer-Kabarett: Da durchdringen sich Alltag und Freizeit, Kohlensäure und Kultur, Gesellschaftliches und Geistiges auf den flüssigkeitsgetränkten Dielen der Wirtschaften. Wirtshäuser sind mithin ein „fundamentaler Bestandteil der bayerischen Kultur“, wie HDBG-Direktor Richard Loibl bei einer Präsentation der Schau sagte. Deswegen sei das Wirtshaussterben „eine Krise, die in Bayern ganz besonders gespürt wird“. Somit kann die Ausstellung auch beweisen, welcher Schatz die Wirtshauskultur – noch immer – ist. Den man vielleicht nach dem Rundgang etwas mehr zu schätzen weiß. Und wer weitermachen will: In der Hauptausstellung im ersten Stock des Hauses am Donauufer wird die Schau fortgeführt unter anderem mit einer erstaunlichen Maßkrugsammlung und dem Welterfolg bayerischer Braukunst. (Christian Muggenthaler)

Information: Bis 11. Dezember. Haus der Bayerischen Geschichte – Museum, Donaumarkt 1, 93047 Regensburg. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.museum.bayern.de

  

 

 

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