Kultur

Frech-Fröhliches aus Dublin sang Tenor Reinaud van Mechelen, begleitet von seinem belglischen Ensemble A nocte Temporis. (Foto: Hanno Meier)

11.10.2021

Heiße Liebeständelei nach Noten

Bei den Tagen Alter Musik in Regensburg ging es diesmal um Sex, Krieg und die Jagd

 „Black“ oder „white“ kann sie angeblich sein, und „an english boy“ sei der erste gewesen, „who came in“. Gemeint ist die weibliche Vagina einer irischen Lady: Die Tage Alter Musik in Regensburg fingen ihr Ersatzprogramm für Pfingsten 2021 jetzt mit Liedern an, in denen es um Sex, Krieg und die Jagd ging, Lieder aus Salons der höheren Society und aus irischen Pubs. Entweder aufgeschrieben, gedruckt oder mündlich überliefert und  unter dem hübschen Titel „The Dubhlinn Gardens“ zusammengefasst, von Flöte, Harfe (klassisch und keltisch), Cembalo und Gamben begleitet. Und mit dem Tenor Reinaud van Mechelen als richtigem Sänger-Mannsbild,  das zu all den Deftigkeiten  passt. „A nocte Temporis“ heißt sein belgisches Ensemble, das seit fünf Jahren besteht und schon sechs CDs veröffentlicht hat: 2019 auch die frech-fröhlichen „Dubhlinn Gardens“, an denen man sich zu Händels Zeiten auch in Londoner Theatern erfreute. Wie umgekehrt die Dubliner an der Uraufführung von Händels „Messias“.

Musikhistorisch interessant war im Regensburger Programm besonders die Gegenüberstellung verschiedener Fassung: „Eileanóir a Rún“, eine Huldigung an das „liebste Mädchen mit den süßesten Küssen“, in einer mündlich überlieferten Fassung ohne Begleitung, dann für Harfe solo in zarter Troubadour-Klanggestalt und schließlich als Arrangement, das die Opernsängerin Miss Clive in Londons King’s Theatre gesungen hat.

Reinaud van Mechelen gab den Hörern im Neuhaussaal nicht nur den Tip: „Die keltische Harfe kennen Sie ja aus der Guinness-Reklame“, sondern betonte auch: „Diese Musik war immer auch politisch!“ Es waren „war songs“, Lieder für die Zuschauer von solchen Schlachten, wie sie Wilhelm III. von Oranien zur Niederschlagung der irischen und schottischen Unabhängigkeitsrevolten geführt hat.

Die Speisekarte dieser drei Tage  Alter Musik war gewohnt lang, das persönliche Vier-Gänge-Menu enthielt noch mehr  Entdeckungen,  wie ein russisches Cembalo-Duo mit dem raffiniert betitelten „Danse macabre“-Programm und auf schönen Instrumenten führender deutscher Cembalo-Bauer wie Christoph Kern in Freiburg. Oder das etwas zerstückelt wirkende Eröffnungskonzert mit den Regensburger Domspatzen unter Christian Heiß, wo („Hoffnung trifft Zuversicht“) Mozarts „Kleine Cäcilienmesse“ unvorteilhaft in Einzelteilen aufgeführt wurde, um solchen zwar wichtigen, aber selten gespielten Mozart-Stücken wie dem c-moll-Gipfel „Adagio und Fuge“ KV 546 Platz zu verschaffen.

Mit mehr Glück ausgewählt war der glänzende Regensburger Vormittag mit dem französischen Ensemble „L’Achéron“. Was der Papierform nach ein musikhistorisches Seminar hätte sein können, war eine mehr als überzeugende Huldigung an die exzellente Truppe von Francois Joubert-Caillet und an Johann Bernhard Bach, Cousin zweiten Grades von Johann Sebastian, zehn Jahre älter und bei den Tagen Alter Musik in Regensburg mit drei seiner vier „Orchester-Ouverturen“ vertreten – da kann man rätseln, wer von den Cousins die besseren komponiert hat. Denn die drei von J. B., die „L’Achéron“ in blendender Tagesform spielte, klingen zwar vielleicht ein bisschen gravitätischer, archaischer als die von J. S., überzeugen aber durch graziös-tänzerische Leichtigkeit des Klangs, solistische Glanzlichter auf diversen Flöten und sind  ein durchsichtiger polyphoner Irrgarten mit  präzise herauspräparierten Themen. Sie klingen zeittypisch nach Schäferspiel und Liebesleid – auch ein bisschen noch nach Monteverdi, auf jeden Fall nach Vivaldi: großartig! (Uwe Mitsching)

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