Kultur

Ein ungewöhnlicher Pas de deux zwischen Mensch (Gabriela Zorzete Finardi) und Maschine. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

15.10.2021

Heißer Flirt mit dem Roboter

Das Staatstheater Augsburg bringt sein VR-Ballett „kinesphere“ auf die Bühne

Im Untertitel als Mensch-Maschine-Tanzabend deklariert, feierte kinesphere nach shifting perspectives und Bolero als dritte VR (Virtual Reality)-Produktion der Ballettsparte am Staatstheater Augsburg bereits Mitte September Premiere. Eigentlich ist das Werk von Ballettchef Ricardo Fernando wie die anderen neun VR-Produktionen, die das Staatstheater auch für Post-Corona-Zeiten produzierte, für den Genuss in den eigenen vier Wänden gedacht. Jetzt offerierte man in der Brechtbühne einen Abend, an dem dreimal in Folge jeweils 25 Zuschauerinnen und Zuschauer auf Drehhockern direkt auf der Bühnenfläche platziert und mit VR-Brillen samt Kopfhörern ausgestattet wurden. So erlebte man das futuristische Geschehen als hybrides Theaterformat: Noch immer „für sich“ mit dem Blick durch die Brille, aber eben doch in Gemeinschaft.

Normalität simuliert

Die Idee dahinter lag in der Simulation eines normalen Theaterbesuchs, half womöglich VR-Brillen-Ungeübten, die Unsicherheiten im Umgang mit dem Hineintauchen in diese Art der Dreidimensionalität zu überwinden. Die aufwendige Technik (die VR-Inszenierungen werden in Zusammenarbeit mit der Heimspiel GmbH realisiert) ermöglicht die 360-Grad-Schau. Dank einer Spezialkamera, die sechs rundum angeordnete Objektive mit einem 200-Grad-Öffnungswinkel nutzt, um das Geschehen aufzunehmen, wird die Distanz zum Publikum aufgelöst. Man ist mittendrin statt außen vor, geht quasi auf Tuchfühlung mit den Tänzerinnen und Tänzern, die wie lebensecht vor einem auftauchen und direkt anblicken – man meint, sie berühren zu können. Nicht selten ertappt man sich dabei, die eigenen Beine aus dem Weg zu schaffen, damit niemand darüber stolpert.

Worin jedoch der Mehrwert besteht, sich die VR-Brille nicht nach Hause liefern zu lassen, sondern den Weg ins Theater in Kauf zu nehmen und damit leider auch durch störende Kommentare der großen und kleinen „Nebengucker“ sowie die knarzenden Hocker abgelenkt zu werden, erschloss sich nicht in Gänze.

Interessant scheint allerdings, dass man sich in unmittelbarer Nähe des Drehorts von kinesphere befindet: Ricardo Fernando nutzte thematisch stimmig das eindrucksvolle Ambiente des sogenannten Reinigergebäudes, das den Charme alter Industriebrachen ausstrahlt und Teil des zum neuen Kreativquartier entwickelten Oberhauser Gaswerk-Geländes ist.

Wohin also beamt und zoomt uns die am Ende offen bleibende Konfrontation von Mensch und Maschine, von 17 Tänzerinnen und Tänzern sowie dem 533 Kilogramm schweren Industrieroboter von Kuka, den der Hersteller für dieses Projekt zur Verfügung stellte? Energiereiche 30 Minuten lang umkreist und beargwöhnt das Ensemble den auf einem Podest fixierten orangefarbenen Roboter, der seine programmierten Montageabläufe ausführt. Dabei wirkt „er“ einsam, konzentriert und wie ein Relikt aus grauer Vorzeit. Die Eleganz und Präzision seines Gelenkarms und damit der Radius des automatisierten Ausdrucks verblüffen.

Seine stärksten Momente hat die 30-minütige Choreografie zum leicht monotonen Industriesound von Lilijan Waworka im tänzerisch intensiven Duo, das sich zwischen der „Wissenschaftlerin“ Gabriela Zorzete Finardi und dem Roboter entwickelt. Behutsam und skeptisch, mit Neugier und allmählicher Vereinnahmung fordert sie die Aufmerksamkeit „ihres“ Maschinenpartners heraus. Wer dominiert wen? Die körpersprachliche Interaktion lädt die Mensch-Maschine-Beziehung emotional auf, deutet fast einen erotischen Liebesakt an, scheint sich irgendwann zu stabilisieren. Deren Tragfähigkeit in die weite Zukunft hinein bleibt natürlich rein spekulativ. (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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