Kultur

Weniger abgerissen als in trendigen Klamotten: Colline (Levente Páll), Schaunard (Christoph Filler) und Marcello (Matija Meic) neben Mimì und Rodolfo (Camille Schnoor, Lucian Krasznec). (Foto: Marie-Laure Briane)

05.04.2019

Hipster und ein Schuss Sadomaso

Sie hat inzwischen 50 Jahre auf dem Buckel: Die Inszenierung der Puccini-Oper La Bohème von Otto Schenk an der Bayerischen Staatsoper hat fraglos ihren Reiz und funktioniert prächtig. Trotzdem gibt es jenseits des opulenten Historismus weitaus mehr zu erzählen. Genau das zeigt die neue Inszenierung von Bernd Mottl, die am benachbarten Gärtnerplatztheater Premiere hatte.

Dazu katapultiert der Theaterregisseur die Handlung in die Sprayer-Szene. In der Bühne von Friedrich Eggert ist die Künstlerbleibe des dichtenden Studenten Rodolfo (Lucian Krasznec) von Graffiti übersät. Sonst aber sieht das Interieur weitaus schicker aus, als man es in Studentenbuden erwarten würde. Hier setzt die erste zentrale Kritik von Mottl an.

Konsumgeile Provinzler

Auch die Kostüme von Alfred Mayerhofer offenbaren, dass es den jungen Kerlen besser geht, als sie sich selbst eingestehen. Ein Freund von Rodolfo, Schaunard (Christoph Filler), trägt sogar einen ultramodernen, hippen Kopfhörer um den Hals. Sie alle sind angepasster, als sie sich gerieren: Brave, verwöhnte Vorstadtprovinzler eben aus wohlhabendem Elternhaus – wie Hipster aus Starnberg. Sie sind konsumgeil – auch der Chor wuselt im zweiten Akt mit Einkaufstüten hektisch über die Bühne. Gegen diese Gesellschaft wollen die Hipster eigentlich rebellieren, sind aber ganz und gar ein Teil dessen.

In dieses Szenario taumelt die todkranke Mimì (Camille Schnoor) – und Rodolfo ist prompt im siebten Himmel. Mit der roten Lederjacke und der abgewetzten Jeans ähnelt sie einer Tramperin. Vielleicht ist sie drogensüchtig und hat Aids. Mottl lässt offen, woran Mimì stirbt. Als eine Art Sadomaso-Domina wirkt hingegen Musetta (Mária Celeng). Sie verdreht nicht zuletzt Marcello (Matija Mei(´c)) gehörig den Kopf. Und so ist die kaputte Mimì der einzige echte Charakter in dieser billig-schrillen, pseudo-originellen Mischpoke.

Es ist eine überaus junge, freche Sicht, die Mottl entwirft. Gerade für ein jüngeres Publikum ist diese Bohème besonders geeignet, weil auf jedweden Kitsch verzichtet wird – auch musikalisch. Unter der Leitung von Anthony Bramall klingt das Gärtnerplatz-Orchester unerhört agil und glasklar. Alles glüht und brennt, ohne in übertriebenem Pathos zu ersticken. Und die Solisten entwerfen vielfach Charaktere fernab des Gewohnten. So wirkt Schnoors Mimì-Sopran sehr dunkel und kernig – ein spannender Kontrast zum fast schon naiv-hellen, leichten Tenor von Krasznecs Rodolfo. Wunderbar frech die Musetta von Celeng, der raue Marcello von Meic macht gefährliche Eifersucht hörbar. Das ist spannend – also: hingehen! (Marco Frei)

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