Kultur

Verhärmt, verhungert, verdreckt: Die Schauspielerinnen (hier Hanna Scheibe) spielen eigentlich Männer – aber das Geschlecht spielt ab einem gewissen Grad der Entmenschlichung keine Rolle mehr. (Fotos: Matthias Horn)

09.03.2018

Horror im Container

Angesichts des grauenvollen Inhalts verbietet sich eine ästhetische Betrachtung von „Am Kältepol“ am Cuvilliéstheater

Allzu viele Details wollen wir uns ersparen, nur so viel: An diesem Abend ist beispielsweise vom unerträglichen Hunger die Rede, der die entkräfteten Häftlinge stalinistischer Straflager Hundewelpen schlachten oder gefrorene, rohe Ferkel mit bloßen Zähnen zernagen lässt.

Dergleichen würde man länger als die 75 Minuten, die diese Aufführung dauert, vermutlich kaum aushalten. Denn es ist nicht nur ein geografischer, sondern auch ein seelischer Kältepol, an den das gleichnamige Bühnenprojekt im Münchner Cuvilliéstheater die Zuschauer führt mit einer halbszenischen Darbietung von Texten aus Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma. Der russische Autor (1907 bis 1982) verbrachte 18 Jahre in sowjetischen Strafarbeitslagern, dem sogenannten Gulag. Und was er dort erlebt hat, berichtet er in diesem Buch.

Bilder tiefsten Leids

Auf der Bühne steht links ein Lesepult mit Mikrofonen, rechts verstellt uns die penetrant schäbige Rückseite einer Containerbaracke die weitere Sicht. Während wechselnde Schauspielerinnen am Pult jeweils eine Erzählung Schalamows lesen, führen fünf weitere Schauspielerinnen im Inneren dieses Containers vor säurezerfressenen Blechwänden Szenen auf, die per Live-Video auf einer Leinwand über der Bühne zu sehen sind: Szenen, die einen Bezug zum Vorgelesenen erkennen lassen, aber auch ganz generell als Verbildlichungen tiefsten menschlichen Leids verstanden werden können.

Wenn die Akteurinnen da verhärmt in zerfetzten Steppjacken und verdreckten Fliegermützen zittern, stürzen, zerschlagen werden, fällt es gar nicht mehr auf, dass sie eigentlich Männer darstellen: Sie wirken durch die Verelendung so entmenscht, dass man sie sich ohnehin nicht als geschlechtliche Wesen vorstellen kann.
Der unermessliche Horror, von dem in Schalamows Gulag-Texten berichtet wird, vermittelt die gleiche Erfahrung wie die Berichte aus deutschen Konzentrationslagern: Die Sprache reicht nicht, dem Schock, ja der existenziellen Kränkung darob Ausdruck zu geben, dass dergleichen unter Menschen im 20. Jahrhundert möglich war (und mancherorts noch immer möglich ist).

Man muss auf jeden Fall die herausragende schauspielerische Leistung von Nora Buzalka, Sibylle Canonica, Pauline Fusban, Anna Graenzer, Hanna Scheibe, und Charlotte Schwab erwähnen. Genauso wichtig ist es, das absolut gelungene Regiekonzept des Russen Timofej Kuljabin hervorzuheben.

Eine regelrechte Theaterkritik indes kann man über diesen Abend nicht schreiben. Das verbietet sich, weil angesichts des Inhalts alle ästhetischen Erwägungen frivol erschienen. So unangebracht es auch sein mag: Nach dem, was da eine gute Stunde lang im Cuvilliéstheater zu hören war, möchte man sich fast schämen, ein Mensch zu sein. (Alexander Altmann)

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