Kultur

Trügerische gutbürgerliche Familienidylle im Suff: Thomas Lettow als Lenglumé mit Baby im Arm (links), Mareike Beykirch als Ehefrau Norine im Hintergrund und sein Saufkumpan Mistingue (Michael Wächter). (Foto: Sandra Then)

25.11.2022

Im Blutrausch

Mit dem Killermesser durchs Theater: „Die Affäre Rue de Lourcine“ als groteske Gruselkomödie am Münchner Resi

Er hetzt durch den Keller, in der Hand ein elektrisches Tranchiermesser. Damit jagt er eine Bedienstete durch die Gänge. Sie weiß etwas, was sie nicht wissen darf. Oder ist es blanker Wahn, der aus dem irren Blick des Mannes spricht? Der Motor des Elektromessers surrt laut auf. Er grinst und lacht, Blut spritzt in sein Gesicht. Hat er nun die Frau niedergemetzelt – oder die Hauskatze? Ist das alles Sein oder Schein?

Der Totmacher mit dem Messer ist Lenglumé. Er wohnt mit seiner Frau Norine in einem Pariser Apartment. Dort spielt sich das finale Gemetzel ab.

Leichenschmaus im Keller

Für seine Inszenierung von Die Affäre Rue de Lourcine am Münchner Residenztheater greift András Dömötör tief in die ironisch gebrochene, bizarr-groteske Horror-Splatter-Filmkiste. Selbst der Leichenschmaus im Kellergewölbe wird ziemlich wörtlich genommen.

In der Bühne und Ausstattung von Sigi Colpe ist der Keller die Unterbühne des Theaters. Er bleibt dem Publikum verborgen. Die Handlung unten in den Katakomben wird über das Live-Video von Christoph Karstens übertragen. Er filmt, wie der Killer Leng-lumé die Bedienstete verfolgt; aus Justine wird in dieser Inszenierung das Kindermädchen Anita. Auch beim Blutbad und dem gemeinsamen Leichenschmaus mit Lenglumés Alter Ego Mistingue hält Karstens die Linse drauf.

Die Jagd durch das Theaterlabyrinth trifft einen wesentlichen Kern dieser grotesken Gruselkomödie von Eugène Labiche. Schon das Original von 1857 führt das Theater im Theater vor. Wenn zudem die Anita alias Justine von Barbara Horvath in ihrer ungarischen Muttersprache spricht und denkt, erscheinen Übertitel. Über diese Übertitel beschwert sich Mareike Beykirch als Hausherrin Norine lautstark. Auch die altmodische Schriftart der Übertitel findet sie nicht schön, was die Technik sofort ändert: ganz witzig.

Gleichzeitig wirkt das Theaterlabyrinth in Colpes Szenerie wie innere, abgründige Irrwege von Lenglumés (Thomas Lettow) Seele. Es ist ja auch ziemlich verstörend, was er erlebt – oder zu erleben meint. Nach einer durchzechten Nacht findet sich der Hausherr in seinem Bett wieder, neben ihm ein Mann. Wie der Fremde in sein Bett gekommen ist, bleibt ihm ein Rätsel. Schlimmer noch: Sie könnten gemeinsam eine Frau ermordet haben. Die Wohnung entwirft Colpe mit hellen, verwinkelten Wänden, was schnelle Auf- und Abgänge von allen Seiten ermöglicht: ganz im Sinn der Boulevard- und Salonkomödie, die Labiche neu befragt. Schon die deutsche Übersetzung von Nobelpreis-trägerin Elfriede Jelinek katapultiert das Stück ins Heute. Das Team um Dömötör schärft dies noch zusätzlich. Da gerät die gutbürgerliche Fassade von Lenglumé und seinem Saufkumpanen Mistingue (Michael Wächter) gewaltig ins Wanken. In diesem Horrorszenario wirkt Pujan Sadri als Vetter Potard wie ein skurriler Fremdkörper. Er hört gerne Musik aus Kopfhörern, schlendert betont lässig über die Bühne. Ihm ist alles ziemlich egal.

Etwas überfordert

Sonst aber greift das Spiel das irre Tempo der Regie durchaus auf. Allerdings wirken die Darsteller*innen bisweilen ein wenig überfordert. Mit seinen Pointen hat Dömötör das Stück etwas überfrachtet, nicht alles wirkt überdies stringent durchdacht. Das macht es dem Ensemble bisweilen merklich schwer, ihre Charaktere konzis durchzuführen. Unterhaltsam ist der Abend aber allemal. (Marco Frei)

 

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