Kultur

Hatte Sigmar Polke einst Kartoffeln für seine künstlerische Veranschaulichung des Planetensystems verwendet, so greift Alicja Kwade zu Melonen, um Mars und Saturn eine Gestalt zu geben. (Foto: Eres Stiftung)

26.05.2023

In der kosmischen Ursuppe

„It’s a World Machine“ in der Eres-Stiftung in München: wie das Weltall und seine Gesetze Kunstschaffende inspiriert

Wer hätte gedacht, dass das Kosmische und das Komische so nahe beieinander liegen! Diese viel zu selten wahrgenommene Verbindung zeigt die Eres-Stiftung auf, indem sie tatsächlich nach den Sternen greift. Wer ihre Ausstellungsräume in München betritt, fühlt sich diesmal wie im Planetarium: Alles ist abgedunkelt und an der Rückwand sieht man in Riesenprojektion bunte Blasen als Ursuppe fluten, was einen optischen Sog entwickelt, als sollten wir hier alle gleich ins Schwarze Loch gezogen werden – oder so ähnlich.
Jedenfalls wirkt diese 2021 entstandene Videoarbeit von Merlin Stadler wie eine künstlerisch-abstrakte Vorwegnahme der spektakulären NASA-Aufnahmen des James-Webb-Teleskops von 2022, die sogenannten Deep-Field-Aufnahmen, die einen tiefen Blick ins Weltall erlauben und ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden.

Die Eres-Stiftung hat sich der Begegnung von Kunst und Naturwissenschaft verschrieben, weshalb es neben galaktisch guten Exponaten auch wieder Vorträge hochkarätiger Forscher*innen gibt in ihrer neuesten Ausstellung It’s a World Machine. Kepler, Kunst & Kosmische Körper.

Der thematische Fixstern, um den die Schau im weitesten Sinne kreist, ist nämlich der berühmte Astronom Johannes Kepler (1571 bis 1630), der die Planetenbahnen berechnete und das Weltall als eine Art göttliches Präzisionsuhrwerk ansah, als Weltmaschine eben.

Witzig und satirisch

Weil aber die erwähnten spacigen Videos, von denen man hier begrüßt wird, quasi einen kosmischen Flow beim Betrachten auslösen, ist es nur folgerichtig, wenn andere Arbeiten für die nötige Bodenhaftung sorgen: Dass das Weltall viele Kunstschaffende zu eher satirisch-witzigen Werken inspiriert, liegt insofern nahe, als das verdatterte Staunen auf Dauer schwer auszuhalten ist, das uns alle befällt angesichts der unfassbaren kosmischen Dimensionen und Wunder jenseits jeden menschlichen Maßes.

Sigmar Polke (1941 bis 2010) etwa, der alte Schelm, hielt den (Erd-)Ball buchstäblich flach. Genauer gesagt: den Erdapfel. Der Star unter den hier versammelten Künstler*innen hat 1969 eine Kartoffel auf einen schiefen Draht gesteckt, die dann in Bodennähe eine andere Kartoffel umkreist, angetrieben von einem Elektromotor. Montiert ist das groteske Planetenmodell an einem windigen Holzständer. Natürlich macht sich Polke hier auch über den Weltraum-Hype lustig, der damals durch die Mondlandung ausgelöst wurde. Der Clou: Die Kartoffeln sind nicht die verschrumpelten Originale von anno dazumal, sondern bei jeder Ausstellung des Werkes werden frische Knollen aufgespießt – und dass die dann auch austreiben, ist ganz im Sinne des Erfinders.

Phantastisch präzis

Ebenfalls in die Abteilung fragiler Hobbykeller-Basteleien gehört, zumindest auf den ersten Blick, der Apparat, den Attila Csörgö zusammengeschraubt hat. Ein Gestell aus Drähten, Seilen, Gewichten und Umlenkrollen, das in seiner provisorischen Anmutung zugleich höchstes Raffinement erkennen lässt: Mit einer irrwitzigen Präzisionsmechanik setzt es Hölzchen, die an Fäden hängen, zu geometrischen Körpern zusammen.

Man meint fast, die Verschränkung von Komik und Genialität in diesem Werk spiegle das Wesen aller Sternguckerei und Weltraumforschung wider: So phantastisch es einerseits ist, was die Forschung über den gestirnten Himmel herauszufinden vermochte, so bizarr unbeholfen erscheint es zugleich angesichts der monströsen Unendlichkeiten, mit denen wir hier konfrontiert sind. Ob die irgendwie mit der göttlichen Harmonie der „Weltmaschine“ zu vereinbaren sind, steht in den Sternen. (Alexander Altmann)

Information: Bis 10. September. Eres-Stiftung, Römerstraße 15, 80801 München.

 

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