Kultur

Detail einer Staatsmedaille für verdiente Impfärzte aus Silber mit der Darstellung einer Impfszene. Solche Medaillen wurden in den Jahren 1832 bis 1875 verliehen. (Foto: GNM)

14.01.2022

Kampf gegen Epidemien

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg dokumentiert die Geschichte des Impfens

Wie bekam man die Leute zum Impfen, womit wurde geimpft, wogegen und wo? Darauf gibt so ein Allrounder wie das Germanische Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg Antworten. Roland Schewe und Barbara Leven sind im Haus fürs Thema Impfen zuständig, und leider ist ihr Artikel in Kulturgut, mit dem das Museum Ergebnisse aus seiner Forschung kommuniziert, längst von höchster Aktualität: Corona hat sich zu einer Jahrhundert-Katastrophe entwickelt.

Katastrophen über gleich viele Jahrhunderte hinweg bescherten einst die Pest und die Pocken: Fortwährend waren sie existent, führten zu immer neuen Ausbrüchen. 180 Jahre Forschung waren nötig, um sie auszurotten.

Drastisch schildert ein anonymer Autor noch 1801 und nach einem großen epidemischen Ausbruch die Formen einer Infektion mit der „wuetenden Blatternpest“: den ganzen Leib voller Schwären, dauernd drohende Erstickung, immer neue Konvulsionen. Die Opfer „aechzten“, „straeubten sich“, „schnappten nach Luft“ – und starben. Der Verlauf fing mit Fieber an, mit rötlichen Flecken über den ganzen Körper, mit Knötchen und Bläschen. Aus den eitrigen Pusteln trat die Lymphe mit den Viren aus. Die Sterblichkeitsrate lag bei 20 bis 40 Prozent der Erkrankungen. Wer Glück hatte, bei dem trockneten die Pusteln ein und heilten unter Zurücklassung von hässlichen Narben ab.

Die medizinische Lösung war die Impfung mit Kuhpocken – aber viele Menschen wehrten sich trotz des oft tödlichen Verlaufs der Pockeninfektion dagegen. Bayerns König Maximilian I. Joseph ging beispielgebend voran und ließ seine drei Kinder impfen: mit einer Lymphe, die „aus den Pockenpusteln eines mit Kuhpocken infizierten Kindes des Hofkochs gewonnen wurde“.

Eine Impfpflicht gab es in Bayern ab 1807 für alle Kinder bis drei Jahre. Schon seit 1802 wurde die Impfung in Preußen empfohlen und ab 1826 war sie obligatorisch – für die Soldaten. Es gab in den verschiedenen deutschen Staaten Impfzwänge und bei unbefriedigender Impfbereitschaft Polizeistrafen – aber auch Medaillen zur Belohnung. Zwei solche Münzen hat das GNM in seinen Beständen: aus Eisen als preußische Vakzinationsprämie, aus Silber für besonders engagierte Impfärzte. 1832 wurden die Medaillen erstmals vergeben, mit der Einführung der reichsweiten Impfpflicht 1875 hatte sich dieser Impfanreiz erledigt.

Wie sich die Zeiten gleichen: Auch damals, so berichtet Barbara Leven, gab es Engpässe beim Impfstoff. Der von infizierten Kühen reichte bald nicht mehr aus, man gewann impffähige Lymphe auch von „Mutterimpflingen“, also Kindern, die schon geimpft waren. Die Impfung wurde von Kanzeln, in Schulen, durch Anschläge propagiert, und die Eltern der Mutterimpflinge bekamen bis zu vier Gulden Honorar, die Mütter wurden zudem beim Termin mit „Kaffee oder Bier regaliert“, die Kinder mit Süßigkeiten und Obst.

Impfgegner argumentierten besonders auf dem Land mit einer „Missachtung des göttlichen Willens“, Heilung wurde von Heiligen erwartet (Sebastian und Rochus). Die Abgeordneten im deutschen Reichstag spalteten sich hochemotional und polemisch in Gegner und Befürworter der Impfpflicht.

Es sind auch Nebenwirkungen der Impfung dokumentiert: Hautreizungen, Geschwüre, Lymphdrüsenentzündungen.

Geimpft wurde damals meist von Arm zu Arm. Lymphe wurde unter die Haut des Impflings eingebracht, man brauchte dazu nicht viel mehr als ein Impfbesteck: Ein aus der Zeit zwischen 1820 und 1840 stammendes Lederetui aus den Beständen des GNM enthält 14 Lanzetten aus Elfenbein und Ebenholz, mit diesen wurde per Stich, Ritz, Einschnitt oder durch das Ablösen der oberen Hautschicht das Serum verabreicht. Neben einfachen Lanzetten gibt es im GNM auch Beispiele von Messerklingen aus spiegelblank poliertem Stahl, wie man sie auch beim Öffnen von Abszessen oder beim Aderlassen verwendet hatte. Geimpft wurde in Krankenhäusern, Polizeistationen und auch in Wirtshäusern.

Was heute der Kühltransport für die Vakzine ist, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Set mit Lymphglasröhrchen: zwölf Stück in einem Etui zur Aufbewahrung und zum Transport, mit Lack versiegelt oder zugeschmolzen. Einen Dukaten (nach heutiger Kaufkraft etwa 95 Euro) kostete ein vollständiges Vakzinations-Etui aus rotem Saffianleder mit allem, „was man zur Vaccination braucht“, also mit Nadeln, Lanzetten, zwei Glasfläschchen. In manchen Glasröhrchen sieht man äußerst selten erhaltene Impffäden: Sie waren mit Lymphe getränkt und wurden in die Wundstelle eingebracht. Auf dem Deckel des Etuis steht in Gold das Motto: „In excitando morbo Salus“ – „Im Anfachen der Krankheit liegt Heil.“ Mit der Kuhpocke wurde die Krankheit zwar angefacht, aber letztlich dadurch auch abgewehrt.

Die Exponate zum Impfen werden Teil der neuen medizinhistorischen Dauerausstellung im GNM werden. Aktuell kann man darüber analog und digital in Kulturgut nachlesen. Noch mehr Bestände, als sie hier beschrieben werden, vermutet Leven in den noch nicht aufgearbeiteten Beständen des Museums. (Uwe Mitsching)

 

 

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