Kultur

Auch wenn sie in Glaskästen voneinander getrennt sind, ist die Spannung zwischen Inès, Estelle und Garcin (Anne-Sophie Azizé Flittner, Ulrike Fischer, Lukas Kientzler) hochexplosiv. (Foto: Günter Meier)

11.02.2022

Kein Entrinnen aus Luzifers Labor

Das Stadttheater Fürth zeigt Sartres "Geschlossene Gesellschaft" als eindrucksvolles Bild der Verdammnis

Fürth ist fortschrittsfreundlich: Stadttheater und Kulturforum sind U-Bahn-angebunden, Autofahrer*inne und Parkplatzsuchende, besonders von außerhalb, sind dagegen verpönt, die Tiefgaragen Irrgärten. Vielleicht ist das auch schon ein wenig Vorgeschmack auf diese Geschlossene Gesellschaft, die im Kulturforum Premiere hatte. Es ist als ein Schlüsselstück der modernen Literatur längst Oberstufenlektüre, geschrieben von einem der ganz wichtigen Autoren, von Jean-Paul Sartre.

Das Stadttheater Fürth führt das Stück ein mit der Ortsangabe: „Salon eines Hotels mit künstlichem Licht, das man nicht abdrehen kann.“ Diese Hölle sieht dann im Forum und zwischen den hoch aufragenden Säulen des früheren Schlachthofs ganz anders aus – eher nach Kulisse aus Alien oder Star Wars. Denn in drei runden Plastikglaskabinen werden die Personen herumgeschoben, die in den nächsten zwei Stunden die Hölle füreinander sind. Sie stecken wie in Formaldehyd konserviert in fleischfarbenen Körperkondomen und sind noch an Blutkonserven angeschlossen.

Jesus als alter Zausel

„Da sind wir also“ – ein Transvestit als Krankenschwester empfängt die neuen Versuchskaninchen: Rainer Appel macht das mit makabrem Humor, ist mit Marionetten, blutigen Händen und am Ende als alter Zausel Jesus mit Dornenkrone und Wundmalen eine Weiterentwicklung des Dieners oder Kellners der Uraufführung von 1944, der die Türen für die geschlossene Gesellschaft für immer schließt.

Dieses Eingesperrtsein wird durch die Plastikkabinen in der Inszenierung von Barish Karademir für das Publikum geradezu körperlich spürbar. Es herrscht eine klaustrophobe Situation für jeden einzelnen der Verdammten (Bühnenbild: Andreas Braun), am Ende noch potenziert dadurch, dass alle drei in einer einzigen Kabine sich zerfleischen.

So macht man sehr nachfühlbar die Entwicklung des Journalisten Garcin mit, ebenso die der reichen Nymphomanin Estelle und der lesbischen Inès: von der Einsicht, dass man als Toter in der Hölle auf Zähneputzen gut verzichten kann, bis zu der Marter, die jeder für den anderen bedeutet.
Das ergibt eine höllische, sich zunehmend steigernde Spannung in diesem Labor Luzifers, ein Paradebeispiel für den Existenzialismus Sartres, für die Lage 1944 im noch besetzten Paris. Das war durchaus die Situation, um ein solches Stück zu erfinden.

Höllisches Personal

Nichts lenkt in dieser Inszenierung von den Bekenntnissen ab, mit denen sich die drei Verdammten ihr früheres Leben zurechtlügen. Das höllische Personal schiebt die Kabinen immer wieder zu neuen Gesprächssituationen zusammen: „Der Henker ist jeder von uns für die beiden anderen.“
Anne-Sophie Azizé Flittner als Inès und Ulrike Fischer als Estelle machen deutlich, wie aufgeladen die Atmosphäre ist, wenn sie mit ihren sexuell völlig verschiedenen Orientierungen in der Enge einer Kabine zusammengepfercht sind. Lukas Kientzler ist als Joseph Garcin sehr glaubhaft, wenn Estelle ihn anmacht, er aber immer wieder an seine frühere Redaktion in Rio denken muss und an die zwölf Schüsse, die ihn angeblich getötet haben.

Man erlebt die Ausweglosigkeit selbst dann, wenn sich die Türen der Kabinen öffnen: Zur zähneklappernden Musik von Henry Purcell bleibt diese Geschlossene Gesellschaft ein eindrucksvolles Bild der Verdammnis. (Uwe Mitsching)

 

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