Kultur

Skurrile Gesellschaft: Oliver Hildebrandt (Alfred), Anja Stange (Valerie), Angelika Koppmann (Zweite Tante), Jörn Bregenzer (Erich), Volker Ringe (Der Zauberkönig), Antje Hochholdinger (Erste Tante), Susanna Mucha (Marianne), Dominique Bals (Oskar). (Foto: H. Dietz)

13.04.2018

Kollektives Fremdschämen

Das Theater Hof bringt Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in grotesker Verfremdung

Wenn man nicht aufpasst, kann aus Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald (1931 uraufgeführt) leicht ein Sozialdrama des Prekariats, eine feministische Anklage der von Männern dominierten Gesellschaft oder ein walzerseliges Schmähstückl werden. Aufgepasst hat das junge, aber eingespielte Produktionsteam am Theater Hof. Regisseurin Judith Kuhnert stellt in grotesken Einzelszenen die psychische Deformiertheit der Figuren in den Mittelpunkt, die von Ausstatterin Carola Volles auch durch körperliche Spezifizierung bewusst übertrieben begleitet wird: Die überprallen Hüften der männergeilen Tabaktrafikantin Valerie, der frankensteinartige Oberkörper des unterwürfigen Schlachters Havlitschek, die unzähmbare blonde Haartolle des postpubertären und präfaschistischen Studenten Erik, die rundlichen Dickbäuche von Zauberkönig Leopold und Fleischermeister Oskar verneinen jeglichen konkreten Realitätsbezug.
Auch der musikalische Leiter Raphael Tschernuth verfremdet die von Horváth vorgesehenen über 50 Musikstücke. Kratzende Radio- und „springende“ Schellackeinspielungen nehmen den donaublauen Johann-Strauß-Hits ihre Larmoyanz, einige Schlager aus der Zeit der Wiener Depression um 1930 werden durch aktuelle Liebesschmalzler und oktoberfesterprobte Sauflieder ersetzt.
So entsteht das Bild einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, das von Carola Volles’ Bühnenbild aufgenommen wird. Verschiebbare Bretterwände lassen einzelne Handlungsorte spaltbreit aufscheinen: Und wenn man sie zur Seite schiebt, bietet die gesamte Bühnenbreite Platz für die großen Szenen: für die gescheiterte Verlobung in den Donauauen (gebadet wird bei Abendnebel im Orchestergraben), für Mariannes gespenstische Beichte und herzlose Verstoßung im Stephansdom, für das apokalyptische Heurigengelage und den verräterischen Varieté-Besuch.
In diesem Etablissement hat sich Marianne als Nackttänzerin verdingt, um sich und ihr „illegitimes“ Kind durchzubringen. Hilflos um ihr blankes Überleben kämpfend, wird sie von ihren Pseudofreunden alleingelassen. Susanna Mucha gibt die Tochter des Zauberkönigs nicht als fügsames Hascherl und nicht als aufbegehrende Rebellin gegen gesellschaftliche Konventionen, sondern als eine so naive wie selbstbestimmte Träumerin für ein menschliches Zusammensein.
Vom sturen Vater verstoßen, vom ehemals geliebten Kindsvater Alfred (Oliver Hildebrandt als Möchte-gern-James-Dean, gepaart mit der gestischen und sprachlichen Attitude eines Wiener Strizzi) vernachlässigt, von ihren Mitmenschen unverstanden, bricht Marianne nach dem gewaltsamen Tod ihres Babys in den Armen des bigotten Oskar zusammen, dessen Prophezeiung „Du entgehst mir nicht“ für den eigentlichen Tiefpunkt ihres gescheiterten Lebensentwurfs steht.
Die schöne blaue Donau entpuppt sich schon bei Horváth als veritable Lüge. In der Hofer Aufführung wird sie zur Metapher eines Panoptikums von Gestalten, die zum Fremdschämen auffordern. Sie wird durch die grotesken Verfremdungen und das spielfreudige Ensemble den Zuschauern näher gebracht, als es eine sozialkitschige Inszenierung je vermocht hätte. (Horst Pöhlmann)

Abbildung:
Anja Stange als Tabaktrafikantin Valerie mit Jörn Bregenzer als Student Erich.   (Foto: H. Dietz)

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