Wenn man das Atelier des Künstlerpaars Klaus Erika Dietl (51 Jahre) und Steffi Müller (46 Jahre) betritt, fühlt man sich erst mal wie in einem Wimmelbild: Verschiedenste Materialien – vorwiegend bunte Textilien – schmücken den Raum. Boxen, Poster, Karten, Bücher, Nähmaschinen sowie Skulpturen aus Stoff. Die collageartige Anordnung der Utensilien gleicht schon einem Kunstwerk an sich. Genauso vielfältig wie ihr Atelier ist auch die künstlerische Arbeit von Dietl und Müller.
Die beiden haben sich 2009 im Supermarkt für gescheiterte Kunst kennengelernt und führen seitdem eine Liebes- und Arbeitsbeziehung. Sie arbeiten vor allem interdisziplinär mit Sound, Video, Objekten und Textilien sowie in Kollektiven. Das kleinste Kollektiv bilden die beiden. Steffi Müller, die man auch unter dem Namen Rag*Treasure kennt, fällt durch ihre kommunikative, offene Art auf, während Klaus Erika Dietl eher zurückhaltend agiert. So sind die Antworten der Künstlerin oft doppelt so lang wie die ihres Partners. Gemein ist ihnen jedoch, dass sie Kunst als kollektives Erlebnis interessiert.
Zur Kunst gekommen sind sie auf unterschiedliche Weise: „Ich hätte zu was anderem nie getaugt“, sagt Dietl und erzählt von seinen Grafitstiften, die er als Zehnjähriger nicht mehr aus der Hand geben wollte. Müller wurde vor allem durch ihre frühe Lust auf Abenteuer sowie durch ihren Opa geprägt. Seine Liebe zum Weben beeinflusste sie in ihrer bevorzugten künstlerischen Arbeit mit Textilien. Trotzdem traute sie sich erstmal nicht, Kunst zu studieren, und schrieb sich für Kommunikationswissenschaften ein. Es motiviert sie, wenn Menschen sich für etwas begeistern, „wenn der Funke überspringt“, sagt sie.
Beim gemeinsamen künstlerischen Schaffen gehe es vor allem um einen Kompromiss, da beide sehr unterschiedlich arbeiten. Dabei hilft ihnen häufig ein Kartenspiel, bei dem auf kleine weiße Karten Symbole sowie Ideen aufgeschrieben werden und dann nach Sequenzen oder Verbindungen gesucht wird. „Ideen kommen, wenn man anfängt zu arbeiten“, lautet ihr gemeinsames Motto.
Ihre individuellen Stärken ergänzen sich gut. So fällt es ihm leicht, kompositorische Entscheidungen zu fällen. Er lässt sich nicht so sehr von außen beeinflussen, während seine Frau gut im Kommunizieren, in der Pressearbeit und beim Abrechnen ist. Insbesondere beim Filmschnitt fallen ihre unterschiedlichen künstlerischen Präferenzen auf: Dietl erzählt narrativer, während Müllers Sprache assoziativer ist. Gerade diese Unterschiede finden sie jedoch spannend.
Auch ihre Kommunikation untereinander spiegelt diese Unterschiede wider: Teilweise wird der Redefluss vom Gegenüber unterbrochen beziehungsweise ergänzt, man stimmt zu oder widerspricht. Bei einem normalen Gespräch ist das nichts Besonderes, für die künstlerische Zusammenarbeit ist es aber eine Herausforderung.
Konzert mit dem Nähmaschinenorchester
Das Paar ist eng mit der lokalen wie auch mit der internationalen Kunst- und Musikszene vernetzt: Ihre Arbeiten konnten sie beispielsweise im Haus der Kunst in München, auf der Documenta in Kassel, beim SXSW Festival in Austin, Texas/USA sowie beim IDEA Festival in Amman (Jordanien) zeigen. 2025 waren die beiden in Südkorea zu Gast und performten unter anderem beim SIEAF (Seomjingang International Experimental Arts Festival) in Gokseong.
Im Februar 2025 feierten die beiden mit ihrem Nähmaschinenorchester in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele eine viel beachtete Uraufführung. Nun wird das außergewöhnliche Projekt fortgeführt: Am 3. Juni um 20 Uhr kehrt das Nähmaschinenorchester für eine weitere Performance an diesem Ort zurück.
Ihre symbiotische Liebesbeziehung verstehen Steffi Müller und Klaus Erika Dietl als Bereicherung für ihre künstlerische Arbeit: Sie sehen sich als „Spielgefährten“. Fehlende Pausen seien jedoch manchmal ein Problem: Es gibt kein Außerhalb. In größeren Verbünden als ihrem Musikkollektiv ist eine derartige Arbeitsaufteilung jedoch schwierig. Müller bezeichnet die Gruppenarbeit als „anarchisches“ und nicht als „demokratisches Kollektiv“ – inhaltlich sind alle frei, es gibt keine Kuration. Die nervigen, oft organisatorischen Arbeiten betreffen aber nicht alle.
Wichtig ist dem Paar auch, dass die Kunst im Kollektiv nicht zwingend professionellen Standards entsprechen muss. Eine Schularbeit ist für beide ebenso viel wert wie das Werk einer ausgebildeten und vielfach ausgezeichneten Künstlerin. Entscheidend ist die Kommunikation untereinander: Bedürfnisse kennenlernen, hinhören, verstehen, ausdiskutieren. 70 bis 80 Prozent der Energie des Paares geht in den zwischenmenschlichen Umgang mit den partizipierenden Künstlerinnen und Künstlern. Ihre Auswahlkriterien beinhalten Menschen, die motiviert sind, frei von Erwartungen und Druck arbeiten sowie sich selber nicht zu ernst nehmen.
Kollektivarbeit versteht Müller auch als Weiterentwicklung der Care-Arbeit außerhalb der eigenen Kleinfamilie. Mit ihrer Kunst möchten die beiden Mut machen, sich verletzlich zu zeigen sowie die Angst vor Brüchen im Lebennehmen. (Johanna Pohlmann)
Sharper than a needle am 3. Juni um 20 Uhr. Münchner Kammerspiele, Therese-Giehse-Halle, Falckenbergstraße 1, 80539 München.
www.muenchner-kammerspiele.de
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