Kultur

Edwaert Colliers Trompe L’œil (um 1706) gleicht einer Pinnwand - hier ein Ausschnitt, die Gesamtansicht finden Sie in der Bildeergalererie am ende des Beitrags. (Foto: David Brown)

31.08.2018

Künstlerische Taschenspielertricks

Die Ausstellung „Lust der Täuschung“ in der Münchner Kunsthalle verbreitet Jahrmarktstimmung

Wenn nicht alles täuscht, könnte diese Ausstellung der Hypo-Kulturstiftung wieder ein Publikumsmagnet werden. Dabei geht sie anfangs buchstäblich ins Auge: durch eine stilisierte Riesen-Pupille betritt man die Säle der Münchner Kunsthalle, in denen diesmal aber Staunen, Gruseln und Lachen auf dem Programm stehen.
Da gibt es billige Plastik-Stapel-stühle, die in Wirklichkeit aus fragilem Porzellan sind, man sieht täuschend echte Äpfel und Birnen (samt braunen Druckstellen), die ein geschickter Bildhauer aus Marmor gemeißelt hat. Auf einer Schale ruht schaurig-realistisch der abgeschlagene Kopf Johannes des Täufers. Und ganz am Ende steht man vor einem endlos langen Gang, der schräg nach unten führt, in rätselhafte Tiefen, was aber in Wirklichkeit gar nicht möglich ist angesichts der horizontalen Architektur der Kunsthalle.
Dort geht es um die Lust der Täuschung. Es werden Kunstwerke präsentiert, die dem Betrachter durch trickreich erzeugte Illusion etwas vorgaukeln – kurzzeitig jedenfalls, denn nach dem ersten Überraschungsmoment erkennt man in der Regel den augenzwinkernden Trug, um ihn amüsiert zu bewundern.

Witzig und virtuos

Trompe-l’oeil, wörtlich „Augentäuschung“, lautet der kunsthistorische Fachbegriff für diese Art von Bildwerken, die besonders im Barock beliebt waren – aber längst nicht nur in dieser Epoche: Das älteste Exponat stammt aus der Zeit um 2400 vor Christus, es ist ein monolithisches Mauerstück aus dem alten Ägypten, in das der Bildhauer täuschend echt eine Tür eingemeißelt hat, die sich natürlich nicht öffnen lässt.
Abgesehen von der Faszination durch den Witz und die Virtuosität ihrer Schöpfer erwächst der Reiz solcher künstlerischen Taschenspielertricks aus einer Art psychologischen Erfahrung, die der Betrachter vor ihnen macht: Indem wir die Sinnestäuschung erleben, aber zugleich durchschauen (und damit überhaupt erst als Täuschung erkennen), scheint sich die Überlegenheit des Verstandes zu bestätigen. Das ist beruhigend, vermittelt aber auch untergründige Botschaften, indem es etwa bestehende Hierarchisierungen stabilisiert.
Hochgegriffen könnte man sogar vermuten, dass das Trompe-l’oeil den Primat des Geistes vor der Empirie propagiere und damit in einem alten philosophischen Streit quasi die idealistische Position stärke.
Die jüngste Variante des Augentrugs heißt Virtual Reality („VR“) und ist eher eine aufwendig gemachte Ganzkörpertäuschung. Wer die genießen will – und ein bisschen spektakulär ist dieses Erlebnis wirklich –, sollte allerdings schwindelfrei sein: Eine Installation in der Schau besteht zunächst nur aus einem simplen Holzbrett, das am Boden liegt und auf dem man entlanggehen kann. Wer dabei aber eine VR-Brille aufhat, erlebt das Brett als Planke, die geländerlos vom Dach eines New Yorker Wolkenkratzers über die Straßenschlucht hinausragt, aus der entfernt der Großstadtlärm heraufdringt. Wirklich „abgründig“ ist dieser Nervenkitzel freilich nur in einem oberflächlicheren Sinn.
Wie überhaupt die ganze Augentäuschungskunst, wenn sie so geballt und ausschließlich auftritt wie in dieser Ausstellung, eher die Stimmung eines Kuriositätenkabinetts erzeugt, einen Hauch von Jahrmarkt, Varieté und Zirkus. Also: Nichts wie rein ins Vergnügen! (Alexander Altmann)

Information: Bis 13. Januar. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München. Täglich 10-20 Uhr. www.kunsthalle-muc.de

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