Kultur

Anrührend komisch: Jakob Geßner als der reiche Pozzo sowie Jonathan Müller und Silas Breiding als Estragon und Wladimir. (Foto: Gabriela Neeb)

12.04.2019

Kuscheliger Nihilismus

Das Münchner Volkstheater verharmlost „Warten auf Godot“ als drolligen Schwank

Das waren zünftige Zeiten, als die Menschheit noch Muße hatte, auf Godot zu warten. Heute hingegen wartet bloß der Kassenpatient auf einen Facharzttermin, und insofern wäre ein Wartezimmer als Bühnenbild vielleicht auch ganz passend gewesen für die Neuinszenierung von Samuel Becketts Sinnlosigkeits-Klassiker Warten auf Godot. Was Ausstatterin Pia Greven stattdessen ins Münchner Volkstheater gebaut hat, wirkt nämlich – anders als Godot, dessen Erscheinen man bekanntlich nie erwarten kann – allzu erwartbar. Mit seiner Kargheit und abstrakten Symbolik könnte dieses Bühnenbild fast noch von Wieland Wagner stammen. Tatsächlich folgt es aber ziemlich genau den Regieanweisungen Becketts.

In einem großen schwarzen Loch, einem ausweglosen Riesentunnel, liegt vorne rechts eine unförmige Knolle in Schweinchenrosa, die auch als Sitzgelegenheit dient. Dahinter ragt ein roher Holzbalken in die Höhe, der einen Baum symbolisiert, aber eher Ähnlichkeiten mit einem Galgen hat. Das wirkt insofern stimmig, als diese Aufführung phasenweise doch eine rechte Hängepartie ist. Sie weckt im Zuschauer die Neigung, sich die Wartezeit durch ein Nickerchen zu verkürzen – eingedenk der Goethe-Verse: „Warte nur, balde ruhest du auch.“

Dabei ist Regisseur Nicolas Charaux eigentlich kein Langweiler, das zeigte sich schon in seiner faszinierenden Adaption von Kafkas Schloss am Volkstheater. Aber diesmal hat er das Haus zum theatergeschichtlichen Versuchslabor umfunktioniert: Er inszenierte Becketts Klassiker quasi nach dem Muster der historischen Aufführungspraxis, wie man sie im Bereich der Musik kennt.

Ergebnis des Experiments: Jetzt wissen wir endgültig, dass die Bühnenavantgarde von gestern das Kindertheater von heute ist. Zumindest wenn man sie so inszeniert, wie es vor 30 oder 40 Jahren üblich gewesen wäre. Woran aber mag das liegen? Denn es ist ja nicht so, dass die Welt heute weniger absurd wäre als damals. Allerdings bleibt diese Absurdität rein äußerliche, unglaubwürdige Behauptung, wenn sie in konventionellen, allzu vertrauten Darstellungsformen präsentiert wird, die ja per se Ordnung und Kohärenz, also Sinn suggerieren. Genau das ist das Problem dieser wie fast aller sogenannten werktreuen Inszenierungen, die in Wirklichkeit nur einem obsolet gewordenen Aufführungsstil, aber damit gerade nicht dem Werk treu sind.

Drolliger Schwank

Darum hilft es auch diesmal nichts, dass die Schauspieler mit bewunderns- und rühmenswertem Elan bei der Sache sind, wenn sie ihre Figuren doch im Zaum eines biederen psychologischen Realismus halten müssen, der jede verfremdende Künstlichkeit, jedes Grimassieren und Verrenken, das sie sich gelegentlich schüchtern erlauben, sofort erdet. Vor allem aber konterkariert er für heutige Zuschauer die Exzentrik des Stücks selbst, das plötzlich zum drolligen Schwank verharmlost scheint.

So sind Wladimir (Silas Breiding) und Estragon (Jonathan Müller), die auf Godot warten, hier patente Penner mit leichten Borderlinesymptomen, aber eigentlich könnten sie auch als Kiebich und Dutz (Kindertheaterklassiker von F. K. Waechter, 1979) durchgehen. Der reiche Pozzo (Jakob Geßner) wiederum sieht mit seiner Rokoko-Perücke aus wie Fellinis Casanova, hat aber einen seltsamen Leuchtregenschirm dabei und schmaucht die E-Zigarette, während sein Knecht Lucky (Jonathan Hutter) mit runder Nickelbrille und langen Haaren offenbar einen abgewrackten Altachtundsechziger darstellt.

Abgründig ist das alles nicht, sondern manchmal ein bisschen anrührend, manchmal ein bisschen komisch, so als wär’s das Märchenstück für die ganze Familie. Am Ende schwebt dann auch ein großer weißer Vollmond herab; als Silhouetten im Gegenlicht stehen Wladimir und Estragon staunend davor und flöten sich, wie auch vorher schon mal, eine traurige Melodie auf der Mundharmonika. Was für ein Idyll! Aber die Inszenierung bringt damit nur ans Licht, welch ein gemütlich-harmloser Kuschel-Nihilismus eigentlich im Vergeblichkeits-Pathos der existenzialistischen Jahre steckte. (Alexander Altmann)

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