Kultur

Nicht nur Fotografien wie jene, die Passanten vor einer Hauswand mit Todesanzeigen festhielt, sondern auch Zeichnungen oder selbst Bonbonpapier der Warschauer Süßwarenfabrik erinnern anschaulich an das Leben im Warschauer Ghetto. (Foto: Jüdisches Historisches Institut in Warschau)

17.11.2023

Lebenszeichen in Dokumenten

Das NS-Dokumentationszentrum in München zeigt geheim gesammelte Archivalien aus dem Warschauer Ghetto

Zusammengepfercht auf engstem Raum lebten 460 000 jüdische Frauen, Männer und Kinder im Warschauer Ghetto – 100 000 sterben schließlich dort, 300 000 in den Vernichtungslagern. Aber im größten Ghetto Europas tragen Jüdinnen und Juden unter Anleitung des Historikers Emanuel Ringelblum auch Material über die Menschen dort, über ihr Leben und Sterben zusammen: in dem Bewusstsein, alles über sie dokumentieren und der Mit- beziehungsweise der Nachwelt vermitteln zu müssen.

Zehntausende von Archivalien hatte die geheime Archivar*innen-Gruppe Oneg Schabbat (Freunde des Sabbat) während zweier Jahre zusammengetragen. Wahrscheinlich waren es 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – von denen aber nur drei die Shoah überleben sollten.

Überstanden haben das Leid und das Morden auch rund 35 000 Seiten Archivmaterial in Blechkisten und Milchkannen. Heute wird dieses Konvolut im Jüdischen Historischen Institut Emanuel Ringelblum in Warschau aufbewahrt – aktuell ist eine Auswahl daraus im NS-Dokumentationszentrum in München zu sehen: Tagebücher, Briefe, Testamente, Augenzeugenberichte bis hin zum Bonbonpapier – als Dokumentation der Shoah und versteckt im Angesicht der Vernichtung.

Perfides Ordnungssystem

Im Dokumentationszentrum begegnet man Leuten von Oneg Schabbat, erfährt deren Biografien via Bildschirm – bevor man in nachempfundenen schwarzen Archivkästen die Postkarten, Briefe und andere Dokumente studieren kann. Etwa solche Archivalien wie eine „Meldekarte für Juden“, wie sie der perfide deutsche Ordnungssinn ersonnen und damit den jüdischen Zwangsarbeitereinsatz organisiert und kontrolliert hat. Da wäre die Karte von Rabbi Szymon Huberband aus Warschau: darauf die Stempel von Unternehmen und Behörden, bei denen er Zwangsarbeit leisten musste – bis zum 1. Mai 1942, als er Arbeiter in der deutschen Heeresunterkunftsverwaltung war. Im August desselben Jahres wurden er und seine Frau in Treblinka ermordet.

Ausführliche Infotafeln schildern die näheren Umstände jüdischen Lebens im Warschauer Ghetto. Auch 70 Fotografien und 300 Zeichnungen sind Teil des Archivs und Quelle für die Forschung. Man sieht in der Ausstellung auch eine Aufnahme vom 18. September 1946, als das Ringelblum-Archiv in Warschau entdeckt und kistenweise ans Tageslicht heraufgebracht wurde.

Wichtiger als unser Leben heißt diese Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum: Das Archiv wird eingestuft als eine Art des Widerstands, als die Shoah noch in vollem Gange war, und sie stellt „die radikale Innensicht des Ghettos aus jüdischer Perspektive“ dar, wie es im Ausstellungsflyer heißt.

Gesammelt wurden auch die Bekanntmachungen, die auf Deutsch, Polnisch und Hebräisch zum Beispiel die Verteilung von Lebensmitteln regelten. Und so liest man: „je 100 gr Marmelade zum Preis von 4.60 Zloty für 1 kg“. Eine andere Bekanntmachung kündigte Lebensmittelkarten in „naher Zukunft“ an (50 000 Kilogramm Roggenbrot für 460 000 Menschen) oder ausgerechnet am 25. Dezember 1941 die schriftliche Verpflichtung zur „Ablieferung von Pelzsachen“. Besonders die preußische Bürokratie hatte schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs solche Mechanismen der Mangelverwaltung entwickelt: damals, um die Menschen einigermaßen zu versorgen, jetzt, um sie unter unmenschlichen Umständen im abgeriegelten Ghetto zu vernichten. (Uwe Mitsching)

Abbildung: Das einzigartig zusammengetragene Ringelblum-Archiv wurde am 18. September 1946 in der Warschauer Nowolipki-Straße entdeckt, auch seine Bergung wurde fotografisch dokumentiert.    (Foto: Picture alliance/PAP/Wladyslaw Forbert)

Information: Bis 7. Januar. NS-Dokumentationszentrum München, Brienner Str. 34, 80333 München. www.ns-dokuzentrum-muenchen.de

 

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