Kultur

Filmszene aus „Nerven“. Gedreht wurde einst in Nymphenburg und in der Münchner Au, im Allgäu bei Schloss Neuschwanstein sowie am Königssee. Uraufgeführt wurde der Stummfilm im Dezember 1919 in den Münchner Kammerlichtspielen (Kaufingerstraße). (Foto: Filmstill)

12.04.2019

Lust und Gewalt in Schwarz-Weiß

Das Jewish Chamber Orchestra Munich spielt neue Musik von Richard Ruzicka zum Stummfilm „Nerven“

Mit seinen ungewöhnlichen Programmen bereichert es unaufhörlich das Musikleben. Wenn es das Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM) nicht geben würde, müsste es schleunigst gegründet werden. Auch jetzt ist der Truppe um den Dirigenten Daniel Grossmann ein echter Coup geglückt. In den Münchner Kammerspielen haben sie den Stummfilm Nerven von Robert Reinert live begleitet. Hierzu komponierte der 25-jährige Richard Ruzicka (er hat auch schon mehrfach für den Münchner Tatort komponiert) eine neue Musik. Das Ergebnis ist fulminant.

Endlich war mal wieder ein echtes Meisterwerk des deutschen Film-Expressionismus zu sehen – mit einer Musik, die die Atmosphäre des Films kunstvoll verdichtet. Damit hat das JCOM nicht nur die Entstehung des Films vor 100 Jahren gewürdigt, sondern zugleich an die Münchner Räterepublik von 1919 erinnert.
Genau diese bewegte Zeit bildet den Kontext des Streifens. Der Erste Weltkrieg ist vorüber, ein weiterer droht. In ganz Europa herrschen Hunger und Rebellion. Im Vorspiel der Filmgeschichte fühlt eine Mutter, wie ihr Sohn auf dem fernen Schlachtfeld fällt. Plötzlich taucht ein Mann auf. Er tötet eine Schlafende, um sodann einem Kanarienvogel im Käfig das Wasser aufzufüllen – voller Mitleid. Die Nerven liegen eben blank. Für den Österreicher Reinert – er war seit 1900 in München tätig – verriet dies viel über den Zustand der Welt.

Die Handlung ist ziemlich irre – nervenaufreibend eben. Bei den Feierlichkeiten zum 500. Jubiläum der Roloff-Fabrik explodiert eine neue Halle. Der Lehrer Johannes spricht zum Volk und fordert soziale Reformen.

Von dieser Rede ist Roloffs Schwester Marja total begeistert. Sie verliebt sich in Johannes. Dieser schwärmt allerdings für Roloffs Frau Elisabeth. Für Marja steht fest, dass sie ihren Richard nicht mehr heiraten will. Auch einen Gärtnerssohn weist sie harsch zurück. Er tötet einen Mann und wird hingerichtet. Johannes weist hingegen Marja zurück, woraufhin sie ihn der Vergewaltigung bezichtigt. Der Lehrer kommt ins Gefängnis, seine blinde Schwester verzweifelt. Roloff steigert sich zusehends in den Wahn, dass er die Vergewaltigung selbst gesehen habe. Als Marja die Beschuldigung zurücknimmt, wird Roloff vollends verrückt. Der Lehrer wird begnadigt, und Roloff vergiftet sich – mit dessen Hilfe.
Die Witwe Elisabeth und Johannes finden zueinander. Allerdings fühlt sich Johannes wie ein Mörder. In geistiger Verwirrung zündet Elisabeth ihr Schloss an. Die blinde Schwester von Johannes stirbt in den Flammen. Elisabeth geht ins Kloster. Zeitgleich bringt sich Marja um, nachdem ihr Gatte Richard im Straßenkampf gestorben ist. Im Nachspiel holt Johannes seine Elisabeth aus dem Kloster. Sie beginnen ein neues Leben. „Zurück zur Natur“, lautet das Motto.

Sozialismus auf Bayerisch

Für Reinert war das zugleich die Lösung für die Probleme der Welt. Man sieht glückliche Kühe, die mit Pflügen über satte Alpenwiesen ziehen – ein „sozialistischer Realismus“ auf Bayerisch.
In teils bizarrer Theatralik werden die Szenen gespielt. Ob Mehrfachbelichtung, Überblendung oder Collage- und Montagetechnik: Die Bilder von einst selber sind mit kühner Avantgarde entworfen.
Hier setzt die Musik von Ruzicka an. Sie arbeitet mit geräuschhaften Klängen, elektronischen Zuspielungen und expressiven Ausbrüchen, um stets auch melodischen Lyrismus zu entfalten. Mit der zwölfköpfigen Orchesterbesetzung aus Streichern, Holzbläsern, Schlagwerk und Akkordeon werden größtmögliche Wirkungen erzielt – ein kongenialer Wurf. Und wie Cello-Stimmführerin Aniko Zeke ihr ausgedehntes Solo gestaltete, das war wirklich groß. (Marco Frei)

Abbildung: Richard Ruzicka hat den Film neu vertont. Er hat auch schon für den „Tatort“ und den „Kluftinger“-Krimi komponiert.   (Foto: Elvira Peter)

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