Aus der Politik ist oft zu hören, dass die Klassik eine „Kunst für Eliten und ältere Semester“ sei. Von öffentlich subventionierten Orchestern, Konzerthäusern und Opernbühnen wird häufig eine „zeitgemäße Publikumsentwicklung“ gefordert. Was komplett ausgeklammert wird: Ohne gute, zeitgemäße Infrastruktur lässt sich kein Publikum erfolgreich entwickeln, geschweige denn gewinnen. Genau das verrät gegenwärtig der Blick nach München.
Altbacken, provisorisch oder marode: Das ist der Istzustand der großen Klassik-Konzertsäle an der Isar. In München zeigt sich zudem, was alles schiefgehen kann, wenn die Politik Planungen gründlich versemmelt oder Sanierungen und Entscheidungen ewig aufschiebt. Da wird der Gasteig mit seiner Philharmonie für eine Generalsanierung geschlossen, ohne dass es überhaupt ein durchdachtes Finanzierungskonzept gäbe.
Wiedereröffnung steht in den Sternen
Bis heute steht weiterhin in den Sternen, wann der Gasteig wiedereröffnet wird. Für Jahrzehnte wurde zudem über ein neues Konzerthaus gestritten. Es soll unter anderem eine überfällige, dauerhafte Heimat für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) werden. Nun hat die Staatsregierung zwar final entschieden, dass der Neubau im Werksviertel am Ostbahnhof kommt, aber: Ein konkretes Datum für den Baustart gibt es ebenfalls bis heute nicht. Gleichzeitig soll das neue Konzerthaus finanziell deutlich abgespeckt werden.
Das ist weit entfernt von einer zeitgemäßen, starken Vision, mit der sich nicht zuletzt ein breites, auch technik- und architekturaffines Publikum mitnehmen ließe. Auch BR-Chefdirigent Simon Rattle ahnt das, wenn er betont, dass ein Konzerthaus im 21. Jahrhundert mit exzellenter Akustik und technologischer Ausstattung „der Welt von heute und morgen gerecht“ werden müsse.
Nicht minder staunenswert ist, dass eine Konzertbühne wie der Herkulessaal seit Jahrzehnten vor sich hin gammelt, ohne dass irgendetwas passieren würde. Selbst Kunstminister Markus Blume (CSU) räumte bereits ein, dass viele Gebäude im Kulturleben „auf Verschleiß“ gefahren worden seien. Umso größer die „Bugwelle“ an Sanierungsfällen, und da rauscht einiges auf München zu.
Ob die von der Staatsregierung angekündigte „Kultur-Milliarde“ ausreicht, bleibt fraglich. Die ganzen Planungen im Klassikleben Münchens von Stadt und Freistaat sind weder des „Kulturstaats Bayern“ noch der Klassik-Metropole München würdig. Am Beispiel des Herkulessaals zeigt sich überdies, wie altbacken sich Münchens Konzertsäle präsentieren.
„Wer zeitgemäße Veranstaltungssäle kennt, für den fühlt sich dort jedes Konzert wie eine Art Rücksturz in die 50er an – nur ohne Wilhelm Furtwängler am Pult.“ Das sagte unlängst BR-Kritiker Peter Jungblut in einem brillanten Kommentar zum Herkulessaal. Wie man damit zumal junges Publikum für Klassik begeistern möchte, auch das bleibt das große Geheimnis der Politik.
Es ist fraglos erfreulich, dass im Herbst 2021 die Isarphilharmonie eröffnet wurde. Sie war, wie das gesamte HP8-Gasteig-Areal in Sendling, als Provisorium während der Gasteig-Sanierung geplant und gebaut worden. Da die Wiedereröffnung des alten Gasteig weiter in den Sternen steht, muss die Isarphilharmonie wohl deutlich länger als Provisorium herhalten als geplant. Als dauerhafte Heimat für große Sinfonieorchester eignet sie sich nicht.
Die Situation im Münchner Klassikleben ist inzwischen buchstäblich alarmierend, und dazu passen Vorkommnisse im Münchner Konzertleben zu Beginn dieses Jahres. So musste Mitte Januar ein Konzert der BR-Symphoniker unter Herbert Blomstedt im Herkulessaal abgebrochen werden, weil ein Alarm-Warnlicht pausenlos blinkte und sich nicht abschalten ließ.
Alarmierende Vorkommnisse
Der zweite Streich folgte Ende Februar. Erneut traf es die BR-Truppe, diesmal aber in der jungen Isarphilharmonie. Bei einem Konzert mit der Pianistin Beatrice Rana und Gianandrea Noseda am Pult brach Feueralarm los. Auch dieser Abend musste abgebrochen werden.Schon im November 2021 gab es in der Isarphilharmonie während eines Konzerts Probleme mit einem Feueralarm. Im Juni 2024 war auch ein Auftritt von Starpianist Lang Lang betroffen.
Über den Zustand der Münchner Infrastruktur spricht die ganze Klassikwelt. In München beheimatete Klassikstars wie die Geigerinnen Anne-Sophie Mutter und Julia Fischer oder der Cellist Daniel Müller-Schott haben bereits massive Kritik geübt. München ist auf dem besten Weg, seinen Ruf als eine weltweit führende Klassik-Metropole gründlich zu verspielen. (Marco Frei)
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