Kultur

Das Aufeinandertreffen von Engeln (Alma Naidu, Claudio Zazzaro) und dem Ehepaar X. E. (Wiard Witholt, Luise von Garnier) entwickelt sich zu reinsten Horrorszenen. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

10.02.2023

Missbrauchte Engel

In Anwesenheit der Komponistin brachte das Staatstheater Augsburg Du Yuns Kurzoper „Angel’s Bone“ als Parabel auf Menschenhandel erstmals in Europa auf die Bühne

Von Anfang an extrem präsent, tobt Mezzosopranistin Luise von Garnier in der Rolle der Mrs. X. E. die geballte Wut auf Gott und die Welt und insbesondere ihren Ehemann aus – keifend, kreischend, bald treffsicher in grelleren Lagen singend. Als Pars pro Toto wird das Gemüse aggressiv mit dem Küchenmesser malträtiert ob der klammen finanziellen Lage und des zerplatzten Lebenstraums an der Seite von Mr. X. E. Ihm verleiht Wiard Witholt die stets leicht gekrümmte Haltung des Versagers, der leicht verwahrlost und mit schlechtem Gewissen durchs verkrachte Leben trudelt.

Diese Einstiegsszene zu Du Yuns Kurzoper Angel’s Bone macht dem Publikum schnell klar, wer bei diesem seltsamen Paar die Hosen anhat und dass es in den folgenden 75 Minuten eher höllisch als himmlisch zugehen dürfte. Bisweilen leicht plakativ repräsentiert diese Mrs. X. E. in Antje Schupps schlüssiger Inszenierung des 2016 beim Prototype Festival (New York) uraufgeführten Werkes den Prototyp einer in der Mittelklasse beheimateten hysterischen „desperate housewife“. Sie ist bereit zu allem, was den Weg aus der existenziellen Misere weist.

Himmlisches Wunder

In dieser Krise kommen die beiden aus nicht näher erklärten Gründen in die Gartenwanne gefallenen Engel gerade recht. Mrs. X. E. wittert im himmlischen Wunder die große Chance, ihr eigenes Schicksal ins Bessere zu wenden. Erbarmungslos befiehlt sie dem ihr treu ergebenen Gatten, den wehr- und willenlos, ja fassungslos wirkenden Geschöpfen die Flügel zu stutzen – eine recht blutige Angelegenheit. Social-Media-Kampagnen, Charity-Event und Gefangenschaft im vernebelten Sexkeller und entsprechender Missbrauch folgen Schlag auf Schlag.

Zu verlockend ist die Vision, endlich „gesegnet“ zu sein mit all dem, was die Welt Mrs X. E. bislang vorenthielt: Ruhm und Ansehen innerhalb der eigenen Community, die wild ist auf den Engelskontakt, Reichtum dank der Engelsprostitution, erhöhter Selbstwert inklusive einer das Finale krönenden Schwangerschaft durch „Boy Angel“. Für diesen (Claudio Zazzaro) und seinen weiblichen Begleitengel (eindrucksvoll: Jazzsängerin Alma Naidu) wird der Absturz ins Irdische zum Albtraum, in dessen Verlauf die beiden weit mehr als Flügel und Federn verlieren.

In dieser misslichen Lage hilft auch die Anwesenheit des mit Countertenor Constantin Zimmermann überzeugend besetzten Erzengels samt passivem Begleittrupp wenig. Für die an gregorianische Choräle angelehnte, mystisch im Raum schwebende Sphärenmusik wurde der Münchner Vokalzirkel verpflichtet.

Am Ende zerbricht Mr. X. E. an seiner Schuld und tötet sich selbst. Den mitleidlos geschundenen und missbrauchten Engeln gelingt wohl die Flucht und Mrs. X. E. tritt mit Babybauch in TV-Shows auf und betont, dass es ihr nie darum gegangen sei, weltweite Berühmtheit zu erlangen. Wer’s glaubt, wird selig.

Was wie ein überspanntes Horrorfilmszenario klingt, will sich als musiktheatralische Parabel auf das weltweite Phänomen sexueller Ausbeutung fokussieren. Die Komponistin (und mit ihr Librettist Royce Vavrek) richtet ihr Augenmerk, wie sie im Programmheft schreibt, insbesondere auf die Motive und Geschichten der Mittelsmänner und -frauen, die sexuelle Ausbeutung nicht selten Minderjähriger zum lukrativen Business machen.

Doch Kunst, und das schlussfolgert richtig auch Du Yun, hat „im besten FaSll die Funktion, zu provozieren und anzuregen“, aber kaum das Potenzial, Probleme zu lösen. Und ob die Opernbühne der Gegenwart der beste Platz ist, dieses fraglos erschütternde Phänomen anzuprangern, bleibt auch Geschmackssache – zartbesaitete Gemüter dürften diesen Abend, der trotz seiner Kürze durchaus Längen hatte, womöglich als Zumutung empfinden.

Hörnerv strapaziert

Konsequenterweise klingt auch die Musik eher qualvoll: Sie spiegelt Bedrohung, Schmerz, Ekstase und Leiderfahrung in einer den Hörnerv strapazierenden, ekstatisch aufgeladenen Fusion aus allem, was das 21. Jahrhundert im orchestralen Opernbaukasten zur Verfügung stellt und verlangt den Augsburger Philharmonikern unter Leitung von Ivan Demidov stilistische Flexibilität ab.

Das Etikett „europäische Erstaufführung“ sichert einem Haus eine weiter als üblich reichende mediale Aufmerksamkeit. Lässt sich zudem der renommierte Pulitzerpreis aufzählen, den die in New York lebende chinesische Komponistin Du Yun 2017 für ihr Werk erhielt, weckt die Premiere Neugier und womöglich zu hohe Erwartungen. Neben den wenigen Buhs für die Komponistin gab es verdienten Beifall für das Inszenierungsteam und das Ensemble in einer aufwendigen Produktion, deren künstlerischer Mehrwert sich nicht wirklich erschließt. (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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