Kultur

08.04.2016

Mut zu viel Gefühl

Kantor Moshe Fishel gastiert wieder in München und begeistert mit seinen Kollegen

Es war ein ziemlicher Schock für die jüdische Gemeinde München, dass ihr zur Jahreswende der Kantor abhanden kam: Moshe Fishel zurück nach Israel und ins väterliche Geschäft. Der Trost: Er kommt immer mal wieder, gastiert weiterhin weltweit. Wie jetzt zusammen mit dem fabelhaften Boaz Davidoff und unter der Leitung von Yoed Sorek: drei  Tenöre, das ist seit Jahren auch das Erfolgsrezept des jüdischen Neujahrskonzerts (zuletzt Anfang Oktober 2015). Und machte Ber Szenker (Chaj Kultur- und Veranstaltungsgesellschaft) Mut, mehr aus der Welt der jüdischen Musik zu zeigen: „Schabbat Lieder. Synagogaler Gesang“, die Lieder zur Einstimmung auf den „heiligen Tag“, „berührende jüdische Lieder und Musik aus der Synagoge“. Dazu kam viel Publikum in den Münchner  Gasteig, mit Charlotte Knobloch an der Spitze war es auch ein gesellschaftliches Ereignis.  „Die Gebete der Gläubigen zum Himmel tragen“, hatte Fishel in einem Gespräch mit der Bayerischen Staatszeitung die Aufgabe des Kantors definiert, und jetzt spürte man das auch, spürte die Harmonie und den Frieden in den Liedern mit dem „Zauber des heiligen Ruhetags“. Yoed Sorek hatte ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, in dem auch der jiddische Humor nicht fehlte. Er lebt seit 2012 in Augsburg, und die alten Geschichten und Lieder der osteuropäischen Juden hat er von seiner Oma gelernt – wenn der Rabbi seinen „kitl“ anzieht und sein „hitl“ aufsetzt. In Vertonungen und Arrangements, besonders von Martin Meir Widerker, ging das Programm auch zu Gesängen des großen Kantors Yoselle Rosenblatt aus New York zurück, einem der berühmtesten Synagogen-Tenöre, den sogar die MET engagieren wollte. Man hörte puccineske Emphase, liebenswürdige Komik bis hin zu Mozarts „Königin der Nacht“ im Falsett. Die Gemeinde war immer wieder mit einbezogen in die synagogalen Gesänge, zusammen mit dem Männerchor „Shir Chazanut“ und einem Instrumentalensemble entstanden sich großartig steigernde Klangtableaux als wären sie ein Opernfinale (etwa am Ende des 1. Teils). Ein anrührendes Moment war auch der erste öffentliche Auftritt des jüdischen Kinderchors „Hasamir“ mit einem Schabbat-Medley unter der Leitung von Luise Pertsovska. Damit fühlte man sich zurückversetzt in vergangene Jahrzehnte: Kinderchöre plus Tenor, das war wie zu Rudolf Schocks Zeiten. Aber ansonsten gehörte der Abend den drei Tenören: blendend bei Stimme, sicher bis in verwegene Höhen und mitreißend in ihrem Mut zu viel Gefühl – gerade das ist heute vielfach abhanden gekommen und fand hier applausbereite Hände. (Uwe Mitsching)

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