Kultur

Stella Tozzi (vorne), Ana Tavares (oben) und das Ballett-Ensemble des Staatstheaters Nürnberg. (Foto: Jesús Vallinas)

22.12.2021

Närrisches Ballett-Doppel

Goyo Montero lässt am Staatstheater Nürnberg "Das Narrenschiff" vom Stapel

Hieronymus Bosch hat „Das Narrenschiff“ gemalt. Voll von Menschen, die fressen und saufen und einen Kochlöffel als Steuerruder ins Wasser halten. Ob der Dichter Sebastian Brant das 1494 auch so gemeint hatte, als er hundert Narren in das Schiff nach Narragonien setzte und 112 Kapitel über der Lüste und Sünden schrieb ? Jedenfalls war es das erfolgreichste Buch des späten Mittelalters, voll von Habsucht, Schwätzerei, Ehebruch. Und bei Goyo Montero sieht das in seinem Ballett „Das Narrenschiff“ ganz ähnlich aus: unklar ist das Ziel bei dieser zappelnden Lustfahrt, die ein goldenes Segel setzt. Der Tod ist dabei immer präsent, die Menschen sind auf der Suche nach einer anderen, besseren Welt: „Boat people“ mit Kostümen der Commedia dell’arte, fantastische Tierwesen aus der Welt von Hieronymus Bosch und von ihm erfunden - alle sind sie Suchende zwischen den papiernen Wanten einer verunsicherten Welt. Montero, Nürnbergs seit langem erfolgreicher Ballettchef, hat unter dem mittelalterlichen Titel zwei Tanztheaterstücke zusammengespannt: aus verschiedenen Zeiten, mit verschiedenen Helden, aber alle aus dieser närrischen Menschheitsgeschichte. Das erste Stück heißt „Maria“ und meint offenbar die biblische Figur der Maria Magdalena. Das zweite zeigt, wie die Macht der Musik die Verrücktheit der Menschen besänftigen kann. Das faszinierend Verbindende dieses Abends ist aber  die szenische Umsetzung. Ganz prosaisch mit Decken und Dämmmaterial, sonst auch zur Rettung von Verunglückten eingesetzt auf Bergen, auf hoher See, hier aber in einem großen Rund auf dem Bühnenboden, hochgezogen über die ganze Bühnenhöhe, aus dem Schnürboden stürzend. Dazu in kleineren Dimensionen die Decken, unter denen man sich wärmt, versteckt.

Der Beginn von „Maria“ stellt die Frage nach dieser Frau unter dem Kreuz, nicht nach der Mutter Jesu, sondern der Jüngerin, Gehilfin, Geliebten, vielleicht sogar seiner Frau. Die russisch-österreichische Komponisten Lera Auerbach hat dazu die passende Musik gefunden: Pergolesis „Stabat mater“ in einem neuen Soundtrack: voranstürmend, mit rollenden Rhythmen, barockem Drive. Und Goyo Montero hat mit und für die russische Ballerina Diana Vishneva diese Rolle kreiert. Wie immer bei ihm: abgrundtiefes Schwarz, wenn sich der Vorhang hebt, Knäuel von Menschen wälzen sich in den zerknitterten Folien, Bewegungsstrukturen schälen sich aus dem Chaos heraus wie ein vitaler Organismus. Das Corps de ballet bewegt sich bedrohlich, formt mythische Szenen, immer wieder gesellen sich männliche Protagonisten zu dieser „Maria“: optisch faszinierende Sequenzen. Montero ist geradezu verliebt in alles, was sich mit dem glänzenden Material formen lässt (ein großes Kompliment für die Bühnenbildner Leticia Ganan und Curt Allen Wilmer): steinzeitliche Höhlen, Ort für frühchristliche Gottesdienste. Da entstehen Szenen von biblischer Wucht, und die zartgliedrige Diana Vishneva wird zum Zentrum dieser expressiven Bilder, hingebungsvoll bis an die Grenzen körperlicher Entkräftung – ein biblisches „Sacre“ zu immer neu vorandrängender Musik. Während die entfesselte Meute immer neu über die Bühne fegt, findet diese Maria Magdalena schließlich ihrer Platz am Rande, außerhalb dieses Massenzwangs und betet schließlich eine Feuersäule an.

Neue Gruppierung im Orchestergraben (Dirigent: Björn Huestege), dann der Stapellauf des Narrenschiffs: Das goldene Segel wird gehisst, man schreit hysterisch unter dem Sternhimmel einem ungewissen Ziel entgegen. Schnell bricht alles auseinander, virtuos spielt die Inszenierung mit den „Rettungsdecken“, zaubert närrisches Untergehen und Wieder Auftauchen, ein Aneinander-Gekettetsein per Nabelschnur aus Nylonstrumpf. Das sieht dann aus wie ein Pas de deux von siamesischen Zwillingen, und man erlebt Goyo Montero auf der Höhe seiner choreografischen Erfindungskraft. Owen Belton hat aus zweien der „Letzten Lieder“ von Richard Strauss ein rhythmisch ratterndes Tonchaos gemacht – bis in großer Robe Emily Newton auftritt und mit den besänftigenden Wogen der Musik den Tumult der sich närrisch wälzenden Leiber beruhigt. Da wird die  Musik, der singende Orpheus zum ordnenden Element einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft: Szenen von hohem ästhetischen Reiz und stimmiger Sinnhaftigkeit. Unter der zauberischen Kraft der Sängerin im „Abendrot“ bricht schließlich der letzte dieser närrischen Harlekine zusammen. Jubel im 25 Prozent-Publikum für eine der schönsten und überzeugendsten Arbeiten von Goyo Montero.
(Uwe Mitsching)       

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