Kultur

Die Wallfahrt zur hl. Mutter Anna auf dem Kreuzberg bei Freyung lieferte beliebte Motive für die Hinterglasbilder. (Foto: Ines Kohl)

28.08.2020

Neue Bühne für eine alte Volkskunst

Das Museum in Schönbrunn am Lusen erzählt von der Hinterglasmalerei in Raimundsreut

Die Anfänge der Malerei hinter Glas liegen in der Antike. Erste Hinterglasbilder, die mit den heutigen Hinterglastafeln vergleichbar sind, entstanden im ersten nachchristlichen Jahrhundert in Venedig, in den Niederlanden und der Schweiz. Ihre Blütezeit erfuhr die bayerisch-böhmische Hinterglasmalerei aber erst im 18. und 19. Jahrhundert im Umfeld der Glashütten. Danach verdrängten Farbdruck und Fotografie das alte Kunsthandwerk.

Die prächtigen Bilder mit religiösen Themen in leuchtenden Farben, oft auch verspiegelt oder mit Gold hinterlegt, wurden gesuchte Sammlerobjekte. Josefine Nußhart hat seit über 20 Jahren in ihrem Haus in Neuraimundsreut, einem Ortsteil von Hohenau (früher Schönbrunn am Lusen), eine umfangreiche Sammlung zusammengetragen, die seit diesem Jahr im alten Schulhaus Schönbrunn eine Heimat gefunden hat. Mit Hörstationen und einem multimedialen Pädagogikraum ist das Hinterglasmuseum zeitgemäß ausgestattet.

Beim Malen von Hinterglasbildern müssen die Maler „verkehrt herum“ denken. Zum einen wird das Bild seitenverkehrt gemalt, schwieriger aber noch ist das Rückwärtsdenken, also von vorne nach hinten. Zunächst werden die Konturen festgelegt und auf das Glas übertragen. Erst nach der Ausführung von Schraffuren, Details, Dekor und Beschriftungen werden die Motive ausgemalt und der Hintergrund als letztes flächig aufgetragen. Hinter Glas glänzen die Farben besonders.

Der Ortsname Schönbrunn, wo das Museum zu finden ist, geht auf die gleichnamige Glashütte zurück. Dort wurden die Glastafeln für die Raimundsreuter Maler hergestellt. Die Hütte lieferte das Glas – die bekannte Wallfahrt zur hl. Mutter Anna auf dem Kreuzberg den Anlass für die Motive der Hinterglasbilder, ebenso für Andachts- und Gnadenbilder und Szenen aus dem Leben Jesu.

Familientradition begründet

Als erster Hinterglasmaler im Schönbrunner Raum wird 1737 Georg Neumayer genannt. Auf ihn folgen Simon Hilgart, Petlmacher auf der Landgrafenhütte mit Sohn Johann Kaspar. Simon und Johann Kaspar Hilgart waren bis 1804 die Kreuzberger Hinterglasmaler. Der eigentliche Begründer der Raimundsreuter Hinterglasmalerei war Tobias Peterhansl. Der gelernte Maurer erlernte bei seinem Schwiegervater Simon Hilgart die Hinterglasmalerei. 1758/59 übersiedelte die Familie nach Raimundsreut. Ein Stammbaum zeigt das Familienunternehmen Peterhansl.

Daraus erwuchsen die Raimundsreuter Werkstätten, in denen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die Raimundsreuter Hinterglasbilder entstanden: Farbbilder, Rußbilder, Goldschliffbilder, Kartuschbilder und die berühmten Spiegelbilder. Bei den Rußbildern ließ der Hintergrund aus Ruß und Leinölfirnis die Farben noch mehr erstrahlen. Unter schlesischem Einfluss entstanden Goldschliffbilder, bei denen Glasschleifer und Maler zusammenarbeiteten: In die Rückseiten wurden Blatt- oder Blütenornamente eingeschliffen, zusätzlich wurde das Glas mit Blattgold hinterlegt, dann mit schwarz eingefärbt: Der Kontrast erhöhte die Leuchtwirkung des Goldes.

Das Geschäft lief gut. Abnehmer der prachtvollen Bilder war vor allem die fromme Landbevölkerung, die damit die Herrgottswinkel der Stuben, die Haus- und Hofkapellen schmückte. Bis zu 40 000 Hinterglasbilder wurden von den Malerfamilien in Raimundsreut gefertigt. „Kraner“ trugen die zerbrechliche Fracht in Kiepen auf dem Rücken bis ins benachbarte Ausland.

In den 1790er-Jahren gründeten die Raimundsreuter Hinterglasmaler eine Außenstelle im böhmischen Kvilda/Außergefild. Dort war das Glas günstiger und der Markt noch nicht erschlossen, Gewerbesteuer und Zoll entfielen. Das Unternehmen war allerdings illegal. Um einem Gewerbeverbot durch die böhmischen Steuerfahnder zu entgehen, siedelten sich die Maler für einige Jahre über die Grenze in Außergefild an und begründeten so die böhmische Hinterglasmalerei.

Das Hinterglasmuseum zeigt nicht nur kostbare Hinterglasbilder aus Reimundsreut, präsentiert in kleinen Schreinen, die jeweils einzeln zu öffnen sind, sondern geht auch auf die Rezeption der volkstümlichen Kunst durch die Maler des Blauen Reiter ein, die sich von der Kraft der Farben, Flächen und klaren Linien begeistern ließen. (Ines Kohl)

Information: Hinterglasmuseum, Schönbrunn am Lusen 5, Hohenau. Di. 10-12 Uhr, Do./Sa./So. 13-16 Uhr.

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