Geht es um Popmusik, bieten improvisierte Studios in Häuserkellern und Abstellkammern schon seit den 80er-Jahren den Nährboden der Do-it-yourself-Kultur. Wenn Musikerinnen und Musiker nicht mehr zwingend ins Studio gehen müssen, um aufzunehmen und zu produzieren, wird das Heimische zum Ort des kreativen Rückzugs, an dem neue, intime, vielleicht sogar ehrlichere Ausdrucksformen als zuvor gedeihen können.
Auch in München gibt es diese Keller. Orte, an denen sich im Jahr 2022 ein Kollektiv mit dem Namen New Basement formiert hat. New Basement steht mittlerweile hinter vielen gut besuchten Konzerten, die meistens im Import Export stattfinden. Im Sinne einer selbst organisierten und vom Mainstream unabhängigen Musikkultur treten hier lokale und internationale Indie- und Experimentalmusik-Offenbarungen auf.
Aber auch für den Musiksommer im Theatron, die jährlich stattfindende Open-Air-Konzertreihe im Olympiapark, hat die fünfköpfige Gruppe einen Abend kuratiert. An diesem sonnigen Augusttag trifft man den 26-jährigen Chris Xiao, Gründungsmitglied von New Basement, im Backstage-Bereich des Theatrons an. Mit seinen Projekten plainhead und Shā Mò Mò steht er auch selbst auf der Bühne. An diesem Abend im Olympiapark spielt er allerdings nur eine kuratorische Rolle.
Xiao ist ein ruhiger Typ, der manchmal plötzlich ein ansteckendes Lachen loslässt. Bei Kaffee aus Plastikbechern erzählt er vom Beginn des Kollektivs: Bei ihrem ersten Konzert im Februar 2022 galt noch Maskenpflicht – wegen der Corona-Pandemie. „Am Anfang ging es vor allem darum, lokale Bands zu entdecken und zusammenzubringen. Irgendwann haben wir dann angefangen, auch Bands zu buchen, die wir selbst mochten und die gerade auf Tour waren“, sagt Xiao. Im Theatron gibt heute nicht nur die hauseigene Band Hospital Meat ihren launisch-skurrilen Indie-Rock zum Besten – auch befreundete Bands verschiedenster Genres aus Zürich und Wien sind geladen.
Was mit Konzerten begann, ist in den Jahren nach der Gründung zu einem Label herangewachsen, das seine Veröffentlichungen auf Schallplatte und Kassette verkauft und überregional immer mehr Beachtung findet.
Albumveröffentlichung als Meilenstein
Einen Meilenstein markierte dieses Jahr laut Xiao die Veröffentlichung des neuen Albums 0dB Headroom der Berlin-Hamburger Band „das bisschen Totschlag“. Die haben eine träumerische und vulnerable Lo-Fi-Indie-Platte aufgenommen, die sich neben experimentellen Singer-Songwriter-Stücken und psychedelisch angehauchten Shoegaze-Jams in den diversen Katalog des Labels einfügt.
Bei allem, was sie tun, betont Xiao, stehe New Basement für eine künstlerische DIY-Kultur, die erschwinglich bleiben solle. So versuche man auch bei den Ticketpreisen, nicht über 15 Euro zu gehen. Das Kollektiv sei da sehr idealistisch: „Events, die alle zusammenbringen, sind im jungen Alter sehr wichtig“, sagt Xiao und lässt einen fast vergessen, wie jung der Showpromoter selbst noch ist. Als er Ende 2018 von Shanghai nach München zog, sei es für ihn spannend gewesen, Shows zu besuchen, bei denen er noch keinen der Acts kannte. Hört man ihm jetzt zu, stellt man fest, dass New Basement auf dem Nährboden genau dieser Neugierde gewachsen ist: dem Unbekannten eine Bühne geben, aus dem Keller in die Welt.
Die Sonne senkt sich hinter dem Riesenrad des Sommerfestivals, während die Bands Hase, Hospital Meat und Laundromat Chicks das sich allmählich füllende Theatron bespielen. In jeder Umbaupause tritt Xiao mit einer herzlichen Ruhe auf die Bühne, fordert Applaus und kündigt den kommenden Act an. Die Auswahl der Bands an diesem Abend hört sich wie die Diskografie des Labels an: bunt und ein bisschen unvorhersehbar, selbstsicher in der Attitüde. Hört man den unterschiedlichen Stimmen von New Basement zu, also Alben und EPs von lonalih, indirekt grell, Hallway oder Sh(¯a) Mò, dann ist das in seiner Diversität nicht sofort überschaubar – wie eine Fundgrube, in der sich immer neues Faszinierendes ausgraben lässt.
Und das ist manchmal mehr, dann wieder gar nicht massentauglich. Natürlich gehöre immer auch Glück dazu, wenn es um Mainstreamerfolge gehe: „Für mich wäre der größte Erfolg, in fünf Jahren zurückzuschauen und eine Sammlung an Musik zu haben, an der man lange gearbeitet hat. Bei der man glücklich ist, dass ein paar Leute sie gesehen, verstanden, darüber geredet haben“, meint Xiao.
New Basement zu verstehen, das heißt wahrscheinlich auch, herkömmliche Definitionen von Erfolg in der Musikbranche zu verstehen. Und sich dann zu fragen, was ein Album, ein Konzert, einen Abend wirklich erfolgreich macht. Als die letzte Band, Konomono aus Zürich, ihre jazzig-psychedelische Show in die hereingebrochene Nacht im Olympiapark schreit, ist die Zuschauertribüne jedenfalls voll. (Johannes Harder)
Das nächste Konzert: 17. November, 20 Uhr, Roomer, Milla, Holzstraße 28, 80469 München.
Der Artikel ist in der BSZ-Ausgabe Nr. 38 am 18. September erschienen.
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