Kultur

Quietschgrün ist Javier Mariscals Lehnstuhl „Julian“ (2005). (Foto: A. Laurenzo)

22.12.2017

Nimm Platz!

Die Kinderstuhlsammlung in der Pinakothek der Moderne verrät viel über Ansichten zur Erziehung

Auch wenn es streng verboten ist, auf den Exponaten Platz zu nehmen: Man darf diese Ausstellung ruhig als markante Setzung bezeichnen. Denn in der Münchner Pinakothek der Moderne füllen derzeit zahllose Kinderstühle das zweite Obergeschoss der Rotunde. Richtig putzig und puppenstubig sehen sie aus, diese Stühlchen aus den vergangenen 200 Jahren, die dort von der Neuen Sammlung präsentiert werden. Die Bandbreite reicht von der Miniaturausgabe des rustikalen Bauernstuhls mit Herzerl in der Lehne bis zum Hocker „Plopp“, einem silberglänzenden Ding aus poliertem Stahlblech, das aussieht wie ein Luftballon von Jeff Koons. Mehr Spaß haben Kinder aber vielleicht mit dem schlichten grünen Styropor-Stuhl, den man auch problemlos durchs Wohnzimmer werfen kann, ohne dass viel zu Bruch geht.

Konzepte von Kindheit

"...nur Stühle?" heißt folgerichtig diese Schau mit Exponaten aus der Privatsammlung von Gisela Neuwald. Denn Kinderstühle gehören zu jenen Gebrauchsgegenständen, an denen nicht nur der reine Designaspekt interessant ist, sondern die durch ihre spezifische Gestaltung auch besonders viel an kulturgeschichtlicher Information mitliefern. Lässt sich an ihnen doch ablesen, wie die Erwachsenenwelt zu verschiedenen Zeiten das Sitzen und damit das Leben des Nachwuchses prägen wollte. Vornehmer formuliert: welche „Konzepte von Kindheit“ in unterschiedlichen Epochen und Kulturen entworfen wurden.

Oder welche Ideologie von Erziehung wann und wo herrschte. Einen eher autoritären Geist meint man beispielsweise aus dem chinesischen Kinderstuhl-Kasten von 1840 herauslesen zu dürfen: äußerlich zwar hübsch verziert, sieht dieses Buchsbaum-Möbel doch einem Käfig verdächtig ähnlich. Der kleine „Schaukelfauteuil“ hingegen, der in Österreich um 1885 aus Bugholz, also im „Thonet“-Stil industriell gefertigt wurde, aber trotzdem wohl nur für die gehobenen Stände erschwinglich war, weist dem Nachwuchs eindeutig die Prinzenrolle zu: Als maßstabsgetreu verkleinerte Kopie eines Möbels für Erwachsene setzt er das Kind ganz selbstverständlich in die Nachfolgeposition eines k.u.k. Oberschicht-Vertreters ein.

Ähnliche dynastische Vorstellungen verraten all jene moderneren Kindermöbel, die einfach verkleinerte Ausgaben schicker Designerstücke sind. So etwa der Metallgitterstuhl im damals angesagten futuristischen Look, der 1962 in New York entstand. Eine Art weltanschaulichen Gegenentwurf dazu bilden Stühle im knuffigen Holzspielzeugstil mit abgerundeten Ecken, der teilweise bis in die 70er-Jahre prägend blieb, aber bereits im Skandinavien der 1940er-Jahre aufkam. In ihnen verbinden sich Vorstellungen von gutem Handwerk und Natürlichkeit mit dem humanen Ideal des Kindgerechten, sodass sie wie ein Bindeglied zwischen der Lebensreformbewegung um 1900 und den Ökotrends des späten 20. Jahrhunderts wirken. Auf solchen Stühlen hatten die Grünen der 80er-Jahre einst ihre Kindheit abgesessen.

Falsch sitzen

Deutlich knalliger ist da natürlich die orangefarbene „Pult-Sitz-Kombination“ des Stardesigners Luigi Colani: ein witziges Plastiktrumm, auf das man sich „richtig“, aber vor allem auch verkehrt herum setzen kann – um sich vermutlich wie ein Reiter zu fühlen oder wie ein Motorradfahrer auf seinem Feuerstuhl. (Alexander Altmann)

Information: Bis 4. Februar. Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München. Tgl. außer Mo. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr.


Abbildungen: Oben ein chinesischer Armlehnstuhl (um 1840), darunger die poppig orangefarbene Sitz-Pult-Kombination „Zocker“ von Luigi Colani (1972). (Fotos: Fotos A. Laurenzo)

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