Kultur

Barocke Elemente schlagen eine Brücke zur legendären Inszenierung Otto Schenks, die ein halbes Jahrhundert in München gefeiert wurde. Im Bild Samantha Hankey (Octavian), Katharina Konradi (Sophie) und Amor (Statist). (Foto: Wilfried Hösl)

26.03.2021

Opulenz mit einem Schuss Ironie

Barrie Kosky und Vladimir Jurowski bescheren dem Nationaltheater in München nach fast 50 Jahren einen neuen und hochkarätig besetzten „Rosenkavalier“

Am Ende hockt er auf einer mächtigen Standuhr, um den großen Zeiger abzubrechen. Es ist Cupido, auch Amor genannt: Hier ist er ein alter Mann mit silbernen Flügeln. Für Liebende steht die Zeit eben still, und in der Hand von Cupido wirkt der abgebrochene Zeiger wie ein Amor-Pfeil. Mit diesem Bild endet der neue Rosenkavalier von Richard Strauss, den Barrie Kosky für die Bayerische Staatsoper inszeniert hat.

Im kommenden Herbst wird Vladimir Jurowski die Nachfolge von Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor der Staatsoper antreten, der neue Rosenkavalier ist die erste Opernpremiere, die er als designierter Orchesterchef leitet. Ob er eine ähnliche Liebe im Bayerischen Staatsorchester entfachen kann wie Petrenko, muss sich noch zeigen.
Für Kosky und Jurowski war die gestreamte Premiere eine Feuerprobe, denn Strauss zählt neben Mozart und Richard Wagner zu den Hausgöttern der Bayerischen Staatsoper. Noch dazu hielt sich die Vorläufer-Inszenierung des Rosenkavalier von Otto Schenk seit fast 50 Jahren hartnäckig im Repertoire; in weiten Kreisen des Münchner Opernpublikums genoss diese Produktion Kultstatus. Selbst Intendant Nikolaus Bachler traute sich nicht, diese Inszenierung zu ersetzen – nun aber, in seiner letzten Spielzeit am Nationaltheater, holt er das nach.

Lauter Uhren

Mit Kosky hat Bachler eine gute Lösung gefunden. Der Leiter der Komischen Oper in Berlin bedient beides: eine gewisse Opulenz mit einem Schuss ironisch verfremdender Brechung. Das tut niemandem weh. Einmal mehr verzahnt Kosky eine Oper mit Operette und Schauspiel. Dabei verzichtet die Bühne von Rufus Didwiszus nicht auf barocke Elemente: ein Brückenschlag zur Schenk-Inszenierung. Im zweiten Akt rollt eine silberne Kutsche in die Szene. Sie soll der des Bayernkönigs Ludwig II. nachempfunden sein. Ansonsten macht Kosky aus dem Rosenkavalier einen Sommernachtstraum: samt Allegorie-Zitaten in der Ausstattung von Victoria Behr wie aus Rubens-Gemälden. Als Liebesbote huscht Cupido stumm durch die Szene. Und weil die Zeit ein „sonderbar Ding“ ist, fungieren Standuhren, Wecker, Kuckucksuhren als Leitmotive.

Dieses Spiel mit und gegen die Zeit kosten die hochkarätigen Solist*innen überragend aus. Das gilt nicht nur für Marlis Petersen, die ihre erste Marschallin gestaltet, sondern auch für Samantha Hankey in der Hosen-Titelpartie. Wie sie als Octavian in unterschiedliche Rollen schlüpft, ist auch darstellerisch ein ähnliches Feuerwerk wie der Falstaff-Ochs von Christof Fischesser. Mit Katharina Konradi und Johannes Martin Kränzle sind zudem Sophie und Faninal ideal besetzt.

Sie alle profitieren von einer Regie und einer musikalischen Leitung, die ihnen viel Raum zur Entfaltung schenkt. Kosky und Jurowski kennen sich bestens von der Komischen Oper in Berlin – allein das ist in diesem Fall ein Gewinn.

Denn coronabedingt erklang eine Kammer-Fassung von Eberhard Kloke. Aber gerade in der Reduktion lässt sich die Entwicklung und Verwandlung mancher Motive direkter nachvollziehen. Mit Jurowski haben die Musikerinnen und Musiker den Reichtum an Details glasklar und wirkungsvoll in Szene gesetzt. Jurowski brauchte nicht viel zu tun, denn die Münchner Truppe zählt zu den stärksten Strauss-Orchestern. Das zeigt sich gerade bei dieser solistischen Besetzung. (Marco Frei)

 

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