Kultur

Verführerisches Intermezzo: Sunna Hettinger als Rechja und David Schirmer als Alfonso. (Foto: Thomas Langer)

21.10.2016

Pathetischer Softporno

Michaela Domes rettet die zäh inszenierte "Jüdin von Toledo" im Stadttheater Fürth

Mit ihrem furiosen Auftritt als Königin von England rettet die Schauspielerin Michaela Domes die ziemlich zähe Inszenierung des Historienspektakels Die Jüdin von Toledo, mit dem das Theater Fürth die neue Spielzeit beginnt. Die Stückwahl dürfte dem gegenwärtig grassierenden Aktualitätsanspruch geschuldet sein, irgendwie aktuell auch was zum Thema „Flüchtlingskrise und Religionsstreit“ zu machen, ohne gleich Lessings Nathan zu bemühen. Der kroatisch-deutsche Bühnenautor Kristo Sagor (Jahrgang 1976) griff dafür auf Lion Feuchtwangers voluminösen Roman Die Jüdin von Toledo (1955) zurück und damit auf einen Stoff, der seinerseits bereits den Dramatiker Franz Grillparzer zu seiner gleichnamigen Historischen Tragödie (1871 in Prag uraufgeführt) animiert hatte. Am Fürther Theater macht Regisseur Michael Götz daraus eine langatmige Bühnenerzählung, die im Spanien zur Zeit der Kreuzzüge spielt und so ziemlich alle Klischees bedient, die im Umlauf sind, wenn es um den Streit der drei Religionen geht, derentwegen sich seit fast 2000 Jahren die Völker kriegerisch in den Haaren liegen, obwohl sich Judentum, Christentum und der Islam als friedensstiftende Einrichtungen gerieren.

An Fäden zappeln lassen

Ein Sittengemälde also, das die Fürther Inszenierung zum Softporno aufmotzt: Die „schöne Jüdin“ im weißen Body unterm transparenten Netzhemdchen verdreht Alfonso, dem Kreuzritter und König von Kastilien im Leder-Look (David Schirmer), aus Gründen der Staatsräson den helmbewehrten Kopf und verführt ihn auf gepolsterten Rasenstücken zu allerlei Liebes- und Leibespositionen. Das meistert die Schauspielerin Sunna Hettinger als betörende Tochter Rechja des reichen Juden Jehuda (Henry Arnold) mit viel Anmut und Sexappeal: ein frech-frivoles Girlie, das auf der mit runden Spielbrettfeldern gepflasterten Bühne (Bühnenbild Ditteke Waidelich) wie Heidi auf der Alm herumtollt. Über dieser Szenerie schweben, aus dramaturgisch unerfindlichen Gründen, runde Neonröhren wie Heiligenscheine, die nach einem mysteriösen Algorithmus mal einzeln, mal alle zusammen blinken wie im Space-Lab. Im Hintergrund zieht derweil Rechjas Vater die Fäden, an denen Christen, Juden und Muslime zappeln, ohne es zu wissen. Er ist aus merkantilen, aber auch aus religiösen Gründen vom islamisch dominierten Sevilla ins christliche Toledo geflüchtet, wo sich der Antisemitismus, von dem Christen wie Muslime gleichermaßen beseelt sind, etwas gemäßigter gibt. Aber dieser historisch-politische Hintergrund, darin Lessings Nathan vergleichbar, bleibt epische Behauptung ohne erkennbar dramatische Spannung; freilich mit viel Pathos und Affektationen vorgetragen und ausgewalzt von phantastisch ausstaffierten, kostümierten und frisierten Schauspielern (Kostüme Imke Paulick). Bis dann, schon zum Schluss hin, die Königin von England, Alfonsos britische Schwiegermutter, ihren kurzen, aber umso eindrucksvolleren Auftritt hat: eine Paraderolle für Michaela Domes. Eine bizarre, komisch verfremdete Alte, im schachbrettartig schwarz-weiß-karierten Oberteil, in roter Perücke und schwarz glitzernder Krinoline – ein Clown, ein Harlekin wie aus der Commedia dell’arte. Und so spielt Michaela Domes auch, stellt – auf der Bühne irrlichternd wie ein Schmetterling – mit schrillem Diskant in der Stimme, krächzend und keifend wie ein Papagei, eine Figur dar, die das Publikum zu Beifall in offener Szene animiert. Und spielt damit nicht nur die anderen Darsteller, mehr noch, die ganze Inszenierung an die Wand. Der zollten dann die Zuschauer immerhin höflichen Applaus. (Fridrich J. Bröder)

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