Kultur

Stimmgewaltig gibt Dara Hobbs die Salome als Psycho-Heroine. (Foto: Jochen Quast)

12.05.2017

Perverses Gör

In Brigitte Fassbaenders Regensburger „Salome“-Inszenierung ist Oskar Wilde mit von der Partie

Ein Name mehr auf dem Besetzungszettel: Oscar Wilde spielt selbst mit. Und weil er schwul war und deswegen im englischen Empire auch im Gefängnis saß, muss er in der Regensburger Inszenierung von Salome anderthalb Stunden lang eine ziemlich tuntige Schwuchtel sein, die das Personal anhimmelt. Richard Strauss hat 1905 aus dem Skandalstück Wildes über die perversen Wünsche der Herodes-Stieftochter Salome eine Opernsensation gemacht, von den Tantiemen konnte er sich die Garmischer Villa kaufen. Brigitte Fassbaender lässt als Regisseurin miterleben, wie das Stück entsteht und wie es gleichzeitig bei einer Soirée im Hause Wilde abläuft. Da werden artig Canapés auf einem Silbertablett gereicht, das man nach anderthalb Stunden noch brauchen wird, und da schmachtet Wilde seinen Freund „Bosie“ an. Der sich aber in den Blondschopf im blauen Ballkleid verguckt hat. An ungewohnte Kleinigkeiten muss man sich in Fassbaenders Aufführung gewöhnen, Salome gehört ohnehin zu den beliebtesten Spielwiesen des Regietheaters: Anderswo war sie schon in der Nervenklinik oder am Swimmingpool verortet.

Immerzu im Hamsterrad

In Regensburg hat Wilde ein Geheimnis im Keller: Unter den dicken Perserteppichen grölt der Prophet Jochanaan, und weil Salome es so will, wird er samt einer Art Lastenaufzug hochgefahren ins großbürgerliche Ambiente (Bühnenbild und Kostüme: Helfried Lauckner) – ein Zausel im grauen Kittel, der unablässig in einem Hamsterrad läuft und damit offenbar die Industrie des Empires in Gang hält. Einmal einen Mann aus der „working class“ küssen: Das verlangt die obsessive Prinzessin. Aber der weigert sich, was ihn am Ende den Kopf kostet. Aber, so will es die Regie, die Bühnenmaschinerie verschafft der küsswütigen Salome nicht diesen sangesgewaltigen Zeugen Jehovas aus dem Keller, sondern den Dichter Oscar Wilde. Da liegt er nun, ohnehin noch erschöpft vom Tanz der sieben Schleier, den Martin Dvo(r)ák in einem Strip bis zum schamhaften Tanga vorzuführen hatte: tot, aber ganz und wieder in Hosen, der Kopf exakt auf dem Silbertablett serviert. Erstaunlich: Als Salome sich ihren Wunsch, mal einen Toten, besser noch einen schwulen Toten zu küssen, erfüllt hat (die Mutter Herodias wollte auch mal dran knabbern), ist der es, der das perverse Gör, nun offenbar wieder als Dichter, erwürgt. Wummerndes Orchester – und Schluss. Brigitte Fassbaender hat viele Ideen zu Wilde in Salome investiert, man fragt besser nicht nach der Logik dieses Empire-Puzzles.

Glänzendes Orchester

Man darf aber staunen über einen musikalischen Kraftakt am Theater Regensburg: über das in halber Uraufführungsstärke besetzte Philharmonische Orchester unter dem tadellos partiturkundigen Ido Arad, das klangintensiv Strauss und das Fin de Siècle auslotet. Weiter über eine stimmstarke Besetzung (mit Adam Kruzel als Jochanaan oder Johannes Preissinger als Charaktertenor-Charge Herodes) – aber am meisten über diesen perversen Blondschopf Salome: Dara Hobbs gibt eine stimmgewaltige Psycho-Heroine mit gesunden und unerschöpfbaren Stimmbändern, die wie ein Orkan über die Orchesterwogen fegt. Das Morbide der Rolle bleibt für sie allerdings ein Fremdwort. (Uwe Mitsching)

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