Kultur

Überzeugend ist Diana Damrau in ihrer ersten Interpretation der Gräfin, auch Michael Nagy als Graf begeistert. (Foto: Wilfried Hösl)

22.07.2022

Phantasielos aufgewärmt

„Capriccio“ von Richard Strauss bei den Münchner Opernfestspielen überzeugt nur musikalisch

Er ist in München kein Unbekannter. Als Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele leitete, begründete David Marton 2015 das kleine „Opernhaus der Kammerspiele“. Zwei Jahre zuvor inszenierte der 1975 in Ungarn geborene Regisseur für das Opernhaus in Lyon das letzte Musiktheater von Richard Strauss: Capriccio. Damals wirkte Serge Dorny in Lyon. Für Brüssel realisierte Marton 2016 eine Neuauflage dieser Regie mit zusätzlichen Videoprojektionen.

Für die diesjährigen Münchner Opernfestspiele hat Dorny hingegen die Alt-Version aus Lyon von 2013 aufwärmen lassen: als letzte sogenannte Premiere der Münchner Staatsopernsaison. Das ist nicht nur dreist, sondern auch schade. Denn während in Brüssel 2016 der zeithistorische Kontext zwingend mitreflektiert wurde, blieb er in Lyon und jetzt am Münchner Prinzregententheater nur angedeutet.

Fragen zur Theaterästhetik

Dabei ist die Zeitgeschichte bedeutsam für das Verständnis dieses Werkes und zugleich höchst brisant. Als diese letzte Oper von Strauss 1942 in München uraufgeführt wurde, wüteten der Zweite Weltkrieg und der Holocaust. In dieser abgründigen Zeit entstand ein Werk, das im Grunde eine Oper über die Oper ist. Es werden zentrale ästhetische Fragen verhandelt, die schon die Gründungsväter dieser Gattung in der Renaissance umgetrieben haben. Wie ist das ideale Musiktheater beschaffen? Dominiert das Wort oder die Musik? Müssen die Stoffe authentisch sein, und können sie das überhaupt?

Besonders brisant: Die ersten Ideen zum Capriccio-Libretto stammen von Stefan Zweig. Als Jude von den Nazis ins Exil getrieben, war er bereits tot, als die Oper 1942 uraufgeführt wurde. Zweig hatte sich in seinem Exil in Brasilien das Leben genommen.

Es grenzt fast schon an zynische Flucht vor der Wirklichkeit, was Strauss in seiner letzten Oper vorsetzte. Damit muss die Regie umgehen, mehr oder weniger direkt, ob sie will oder nicht. Das weiß natürlich auch Marton. In der für München aufgewärmten Version aus Lyon ist er bemüht, beide Ebenen zu verknüpfen: die Ästhetik und die Zeitgeschichte.

Das Bühnenbild von Christian Friedländer ist ein kleines Logentheater mit sechs Rängen. Es kommt zum Vorschein, wenn sich der Vorhang öffnet: ganz brav erst nach dem Streichsextett-Vorspiel. In diesem Minitheater muss sich die Gräfin (Diana Damrau) zwischen dem Komponisten Flamand (Pavol Breslik) und dem Dichter Olivier (Vito Priante) entscheiden. Unter der Bühne haust der Souffleur Taupe (Toby Spence). Im weiteren Verlauf der Inszenierung wird klar, dass er zugleich ein Nazispitzel ist. Nach der Pause untersucht er die Köpfe der Balletttänzerinnen und treibt sie fort – vermutlich in den Tod. Am Ende stehen mehrere Nazispitzel, die wie Taupe aussehen, in den Rängen des kleinen Theaters.

Das sind die zeithistorischen Andeutungen, mit denen Marton spielt. Mit Denkpausen wird das Geschehen wiederholt angehalten. Das alles reicht nicht aus, um dieses Narrativ konzis durchzuführen.

Dafür aber gelingt Diana Damrau unter der Leitung von Lothar Koenigs ein starkes Rollendebüt als Gräfin; im Januar 2021 hätte die Sopranistin in Paris diese tragende Figur gestalten sollen, was coronabedingt abgesagt werden musste. Mit ihrem herrlich agilen, hellen, lichten Sopran sorgt Damrau für veritablen Hörgenuss. Gemeinsam mit Breslik und Priante bildet sie zudem ein starkes Trio.

Absolut hörenswert verlebendigt Michael Nagy den Grafen, stark zudem Tanja Ariane Baumgartner als Schauspielerin Clairon und passend grimmig der Theaterdirektor La Roche von Kristinn Sigmundsson.

Mit Koenigs am Pult schenkt das Bayerische Staatsorchester den Stimmen viel Raum zur Entfaltung. Sonst aber bleibt die Leitung etwas blass. Ganz anders die Sextett- und Trio-Kammermusiken: Sie zählen zu den großen Hörmomenten dieser Produktion.

So ist diese letzte Münchner Staatsopernpremiere der aktuellen Saison musikalisch insgesamt ein Genuss. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack: Das Aufwärmen einer Uralt-Regie entspricht nicht dem Standard, den man von einem großen, führenden Opernhaus erwarten darf. Im Rahmen der glanzvollen Münchner Opernfestspiele ist diese Aufwärmaktion im Grunde ein Affront. Als neuer Staatsopernintendant muss sich Dorny mehr einfallen lassen. (Marco Frei)

 

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