Kultur

Auf Horchposten: Bürgermeistersohn Lisargo (Jongmin Yoon) mit Tita (Mario Klein) und Ghita (Sara-Maria Saalmann). (Foto: Martin Sigmund)

02.11.2018

Quietschvergnügliches Schäferstündchen

Mit der Oper „Una cosa rara“ gelingt dem Theater Regensburg eine Sensation – nicht nur, weil Markus Lüpertz das Bühnenbild schuf

Mozart und sein Textdichter Da Ponte machen kein Geheimnis daraus, woher das Bläserthema der Bühnenmusik im Don Giovanni-Finale stammt. Sie lassen den Diener Leporello als Quellenangabe singen: „Bravi! Bravi! Cosa rara“– Letzteres heißt „Ein seltener Fall“, und Lorenzo Da Ponte war auch für diese Oper Una cosa rara von Vicente Martín y Solér der Librettist – erfolgreicher als Mozart mit Figaros Hochzeit ein halbes Jahr zuvor.
Das Theater Regensburg lässt sich bei Una cosa rara nicht lumpen und bietet für das Erfolgsstück von damals alles Wünschenswerte auf: Andreas Baesler, im heiteren Genre gut zu Hause, als Regisseur, und Christoph Spering als Fachmann für Alte Musik. Der besondere Coup aber ist Markus Lüpertz: Der „Malerfürst“, auch umstrittener Bildhauer und Grafiker, hat Bühnenbild und Kostüme entworfen. Am Ende des Premierenabends steht er im Theater am Bismarckplatz beifall-umrauscht in der Fürstenloge.

Schlichte Geschichte

Das Publikum lässt Rosen vom Rang regnen – für ein Stück, das zum Interessantesten, Hübschesten zählt, was man derzeit auf Bayerns Bühnen sehen kann. Das fängt schon vor dem Vorhang mit ländlich bacchantischer Lebenslust an. Was folgt, ist eine alte spanische Geschichte, die simpler nicht geht.
Lilla liebt Lubino, das Bauernmädel den Schäfer, soll aber den Sohn vom Bürgermeister heiraten. Praktisch, dass gerade die Königin auf einem Jagdausflug vorbeikommt und schlichten möchte. Wenn nur nicht ihr Sohn und sein Stallmeister dabeiwären: zwei Hofgockel, denen Lilla auch gefällt. Am Ende kriegen sie und die künftige Schwägerin Githa die Kerle, die sie wollen, und der Stallmeister muss Bauernopfer spielen.
Diese schlichte Story scheint dem Publikum 1786 am Burgtheater gefallen zu haben: Man wusste von Marie Antoinette, die solche Schäferspiele in Versaille spielte, Schäfchen und Liebhaber herzte. Und man begegnete Kaiser Josef II., der am liebsten im Bürgerrock durch Wien spazierte. Auf der Bühne sieht man Königin Isabella, die ihren Reifrock auszieht und sich im bloßen Hemd zu „retour à la nature“ bekennt. Dafür bekommt sie von Solér die größte Arie der ganzen Oper.
Und das Publikum bekommt eine spannende Spurensuche, denn vieles erinnert an Mozart. Wer hat da in diesem Jahr 1786 von wem geklaut? Beim Libretto ist das kein Problem, da Ponte konnte sein revolutionäres Lieblingsthema „Adel gegen Bürger und Bauern“ bei beiden Komponisten ausspielen. Und die Vorstellung vom verlorenen Paradies mag auch Markus Lüpertz zu seinem bunten, stimmungsvollen, von Martin Stevens exzellent beleuchteten Setting inspiriert haben. Den Rokoko-Maler Nicolas Poussin liebt er sowieso.
Regensburgs Intendant Jens Neundorff von Enzberg hatte Una cosa rara mit Lüpertz offenbar schon lange in petto. Und kann obendrein für Solérs Rezitative, Accompagnati und Arien das Beste aufbieten, was sein Ensemble hergibt: mit vokalen Farben wie bei den Kostümen und Wildschweinrotten, die per virtuos bedienter Drehbühne vor der bogenbewehrten Königin vorüberziehen.

Ironische Brechung

Andreas Baesler inszeniert ironisch gebrochenes Schäferstundentheater – hübsch und quietschbunt. Spering und das Philharmonische Orchester spielen, als hätten sie dauernd Solér auf dem Notenpult, Baesler und Lüpertz gewinnen jedem Baum und Busch in diesem Kastanien-Kastilien Witz und Wirkung ab. Die große Adels-attitüde hat Königin Isabella mit Sinéad Campbell-Wallace, mit viel Schäferinnen-Charme und lebendigen Stimmen sind Anna Pisareva und Sara-Maria Saalmann die Gegenstände männlicher Begierde, die tölpelhaften Mannsbilder (Seymur Karimov und Mario Klein) klingen eifersüchtig immerzu nach Figaro. Bei Solér könnte nach dem ersten Akt schon gut Schluss sein, aber so wie Mozart hat er für nach der Pause immer noch eine Menge schöner Arien bis zum „lieto fine“ mit Kastagnetten und Fandango und mit so viel Temperament, dass das Bühnenbild umfällt. Eine Regensburger Opernsensation. (Uwe Mitsching)

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