Kultur

„Dropped Ceiling“ von Marleen Sleeuwits. (Foto: VG Bild-Kunst/Hubert Klotzeck)

02.10.2020

Raumgreifende Lückenfüller

In seiner letzten Ausstellung im alten Haus zeigt das Museum für Konkrete Kunst und Design in Ingolstadt zwölf maßgeschneiderte Werke

In Ingolstadt steht das Museum für Konkrete Kunst (MKK) an der Schwelle zu einer neuen Ära: Seit zehn Jahren wird der Neubau geplant, aktuell gehen die Arbeiten gut voran und 2022 soll die Bauübergabe auf dem Gießereigelände sein. Dass es bis dahin keine Stolpersteine mehr gibt, ist eher unwahrscheinlich, aber wenn das Museum aus dem alten Kasernengebäude an der Tränktorstraße in eineinhalb Jahren wirklich umziehen will, muss es jetzt Mut zur Lücke haben. Mind the gap heißt deshalb die letzte große Schau. Ein Dutzend Kunstschaffende ist eingeladen für diese Zeit zwischen „bekannten und neuen Räumen“, wie die Schau untertitelt ist.

Orgie mit Smartphone

Die coronabeschränkte Anzahl an Besucherinnen und Besuchern, die sich gleichzeitig im Museum aufhalten darf, bedeutet, dass man sich ein Zeitfenster reservieren muss, um in weniger als einer Stunde alles anzuschauen. Das bringt Hektik in den Besuch, viele Gäste retten sich in eine Fotografierorgie mit dem Smartphone und schauen sich die oft großen Installationen und Objekte dann zu Hause auf dem kleinen Bildschirm an. Oder man muss sich mehrfach einen Reservierungscode bei der städtischen Museumsverwaltung holen: ohne den gibt es keinen Einlass.

„Betreten auf eigene Gefahr!“ weist auch auf andere Stolperfallen hin. Aber auf den drei Stockwerken ist das alles nicht so gefährlich, wie das Sicherheitskonzept glauben macht. Allerdings muss man aufpassen, denn manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen den Installationen, dem konkreten Ort und der Vorstellungskraft: Wo fängt das Kunstwerk an, wo hört es auf? Etwa bei Marleen Sleeuwitz’ Dropped Ceiling in Wohnwagengröße, wo schon die Neonröhren von der Decke fallen. Oder im Aufzug oder in der Toilette, aus denen die Münchner Künstlerin Annegret Bleisteiner Wunderkabinette macht. Die Farbigkeit ihrer künstlerischen Gestaltung des Alltäglich-Trivialen spiegelt die Konzentration wider, die sie während der Pandemie aufgestaut hat.

Dass sich dieser Prozess in seinen Arbeiten manifestiert, hofft auch der Mailänder Marco Casentini für seine ersten Post-Pandemiearbeiten. Immerhin hat er in seiner großen Wohnung während des Lockdowns arbeiten und seine Akademieschüler per Online-Klassenzimmer betreuen können.
In der Ausstellung haben die Kunstschaffenden Platz zum Austoben. Karim Noureldin etwa tut das mit einem 13,5 Meter langen textilen Bodenobjekt (vulgo: Teppich), dessen Herstellung von der Krise dadurch betroffen war, dass Noureldin in Indien weben lässt. Gerade solche großformatigen Arbeiten machen den Reiz und das Besondere dieser Abschiedsvorstellung aus, weniger die paar kleinen Zeichnungen Noureldins in der Vasarely-Nachfolge.

Schnell schwitzt man unter der Maske bei dem Tempo, das einem der Zeitslot suggeriert. Der Blick auf die Uhr zeigt: es sind noch zehn Minuten übrig, man hat eben immer schnell Platz gemacht für die nächsten Handyfotos. Kinder haben offenbar weniger Probleme mit dieser Art von Museumsbesuch: Sie machen mit, wo Interaktion gefragt ist. Es gibt schwarze Konstruktionen im weißen Raum, durch die man sich schlängeln muss (perchè il futuro von Esther Stocker), oder man darf Blatt für Blatt von der riesigen Seidenpapierwand Katharina Hinsbergs abreißen – bis irgendwann ganz andere Farben dominieren oder nichts mehr von den ursprünglich 6000 Blatt übrig ist.

Umzugstermin einhalten

Zwölf „maßgeschneiderte Werke“ seien das bei Mind the gap!, so Museumsleiterin Simone Schimpf, die „Anregung, Inspiration und Spaß“ vermitteln sollen. Der Lyriker Eugen Gomringer hat zur Ausstellung im Sinne von „gap“ gedichtet: „it is between / waiting chance“.

Auf der Riesenbaustelle fürs Museum sind gegenüber vom Ingolstädter Schloss 72 Großbohrpfähle 15 Meter tief in den Boden gerammt worden, archäologische Grabungen zwischen fünf und sieben Metern Tiefe mischen auch mit. Oben ist die Dachsanierung fast abgeschlossen – bis dann unter das denkmalgeschützte Gebäude der Gießereihalle das neue Museum geschoben wird. Projektsteuerer Holger Kirchmann jedenfalls ist überzeugt, den Termin Frühjahr 2022 einhalten zu können – für den neuen Eyecatcher von Ingolstadt. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 11. April 2021. Museum für Konkrete Kunst, Tränktorstr. 6-8, 85049 Ingolstadt. Di. bis So. 10-17 Uhr. www.mkk-ingolstadt.de

 

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