Kultur

Kann man aus dem Opern-Genre vielleicht mehr ausholen? Intendant Matthias Lilienthal will das zusammen mit David Marton ergründen. (Foto: dpa)

22.01.2016

Raus aus der Wohnstube, hinein in die Opernbude

Die Münchner Kammerspiele hinterfragen das Opern-Genre

Er werfe keine Bomben, sondern Kusshände, betont Matthias Lilienthal im Gespräch mit der Bayerischen Staatszeitung. Trotzdem gehört viel Mut dazu, in der Klassik-Metropole München ein weiteres Opernhaus kreieren zu wollen. Genau das hat der Intendant der Münchner Kammerspiele vor. Den Auftakt bildet am nächsten Freitag, dem 29. Januar, die Premiere der Bellini-Oper La sonnambula. Im Sommer folgt Mozarts Figaro. Beide Male inszeniert David Marton, der das Opernhaus der Kammerspiele auch angeregt hat: Der Theatermacher aus Ungarn hatte keine Lust mehr, als Gastregisseur von Bühne zu Bühne durch die Welt zu reisen. Stattdessen wollte er für eine Spielzeit seine Zelte in München aufschlagen und konnte Matthias Lilienthal mit seinem Plan überzeugen.

„Totaler Bullshit“

Rein künstlerisch geht es Marton vor allem darum, Musik und Musiktheater in Räumen zu machen, die dafür eigentlich nicht gedacht sind. Und Intendant Lilienthal möchte ein anderes Publikum für die Kammerspiele erschließen. Er wolle das „heiß geliebte Wohnzimmer der Münchner“ auch zu einem „jungen Freizeitheim“ machen, sagt er. „Dafür ‚plündern’ wir alle Genres, eben auch die Oper.“
Beim Münchner Publikum kommt dieses Konzept gut an. Jedenfalls ist Lilienthal von der Neugierde und Offenheit der Theatergänger positiv überrascht: „Dass das Münchner Kulturleben und das Münchner Publikum konservativ seien, ist totaler Bullshit.“ Und die Münchner Kulturpolitik? „Sie reagiert in der Regel stets freudig überrascht.“

Verfremden und verkleinern

Dabei ist es grundsätzlich keine neue Idee, die Kammerspiele multikünstlerisch zu bespielen: Schon Lilienthals Vorgänger Johan Simons hatte mit dem Münchener Kammerorchester eine spezielle Kammerreihe aufgelegt, auch mit musiktheatralischen Projekten. Das jetzige Opernhaus ist hingegen mehr eine „Opernbude“, ein Gegenentwurf zu den großen Bühnen in München. „Es ist der Versuch, die Riesenform Oper auf einen kleinen, überschaubaren Rahmen herunterzubrechen“, so Lilienthal.
Hierzu wird Bellinis Sonnambula spielerisch aufgebrochen und erweitert, verfremdet und verkleinert. Eine Sängerin, zwei Schauspieler und drei Musiker: Mehr brauchen die Kammerspiele nicht, um die Geschichte der Nacht- und Schlafwandlerin Amina zu erzählen. „Der große Belcanto-Gesang wird auf die ‚Kammer’ der Kammerspiele reduziert“, freut sich Lilienthal.

Oper ist zu langsam

Dahinter verbirgt sich auch eine Befragung der Gattung Oper. „Im Vergleich zum Sprechtheater reagiert die Oper insgesamt doch recht verhalten und langsam auf aktuelle politische und soziale Diskurse“, holt Lilienthal aus. „Das liegt am Genre selber: Im Rahmen des Regietheaters kann man zwar mit Uminterpretationen älterer Werke auf Aktuelles reagieren, aber es bleiben die kniffligen Fragen nach dem Libretto und der Komposition.“ Deswegen löse die Oper vielleicht mehr das Versprechen des „Erwartbaren“ ein und des „kultivierten Raums“, so Lilienthal weiter. „Da stellt sich schon die Frage, wie man das systematisch aufbrechen kann. Als Betrieb hat die Oper ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen.“ Ob und wie es mit der „Opernhütte“ der Kammerspiele nach der jetzigen Spielzeit weitergeht, steht noch nicht fest. Sollte es nicht bei einem einmaligen Projekt bleiben, liebäugelt Lilienthal auch damit, wofür die Theatertruppe „Fux“ aus Gießen bekannt geworden ist: Sie haben eine Oper von Paul Dessau als Genre zerlegt. „Oder aber man realisiert ein Musiktheater nur mit syrischen Flüchtlingen, auch das wäre interessant.“ Eines steht indessen fest: Irgendwann wird die Opernbude auf dem Hof der Kammerspiele abgefackelt – direkt oder indirekt, symbolisch oder im wahrsten Sinn. Ähnliches schwebte seinerzeit schon dem jüngst verstorbenen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez vor. Man solle doch alle Opernhäuser in die Luft sprengen, stichelte Boulez 1967 in einem Interview mit dem Spiegel. (Marco Frei) Information: „La sonnambula“, Premiere 29. Januar. www.muenchner-kammerspiele.de Abbildung:
An den Münchner Kammerspielen hat David Marton eine feste Bleibe - auf Zeit. (Foto: dpa)

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