Kultur

Hinter der Fassade des Ansbacher Retti-Palais wird eifrig Bauforschung betrieben und saniert. (Foto: Jim Albright)

13.07.2018

Rettung eines Barockjuwels

Das Ansbacher Retti-Palais wird restauriert und zu einem Museum ausgebaut

Es ist so gekommen wie im Märchen: Das Ansbacher Retti-Palais wurde tatsächlich wachgeküsst, der Dornröschenschlaf ist vorbei. Im Sommer 2015 gab es noch ein ziemlich trauriges Bild in der Bischof-Meiser-Straße ab, als der Förderverein fürs „Retti“, das Stadtpalais des markgräflichen Baudirektors, gegründet und viele Pläne zerredet worden waren. Der Prinz, der dann gekommen ist, will seinen Namen nicht genannt wissen. Er hat für gut 300 000 Euro das Anwesen von der Stadt gekauft.
Das Palais hatte sich Leopoldo Retti einst als Ansbacher Bleibe gebaut. Aber schon während der Bauzeit war er die meiste Zeit in Stuttgart, wo er für den Herzog das Neue Schloss bauen sollte. Als das Palais 1749 einigermaßen fertig war, zog nicht Retti in der „Jäger-Gaßen“ ein, sondern der Ansbacher Obervogt und Geheime Minister Christoph Ludwig von Seckendorff. Anstatt des von Retti errechneten Verkaufspreises von 12 000 Gulden bekam er nur 8000 und musste noch fertigstellen und erfüllen, was sich Seckendorff wünschte: einen repräsentativen Saal im ersten Stock, fließendes Wasser in der unteren Küche.
Das alles erzählt heute Christoph Schoen, Kulturhistoriker und Ansbachs dritter Bürgermeister. Und derweil wird hinter der Vorderfront, die inzwischen noch mehr heruntergekommen aussieht als vor drei Jahren, und im Palais gebuddelt, gegraben, herausgerissen, abgelöst. Schoen spürt jeden Tag, wenn er im Retti-Palais ist: „Das Gebäude atmet auf!“

Kostenauflistung vorab

Retti hatte einst noch vor Baubeginn dem Markgrafen genau auflisten müssen („Baugnaden-Abrechnung“), was er brauchen und was das alles kosten würde: zum Beispiel „55 500 Backensteine“ und „125 Pfund Anspacher Gipß“ à 1 Gulden 30 Kreutzer und vieles mehr.
Die geschätzten Renovierungskosten heute klingen dagegen eher pauschal. Weniger als die Hälfte davon finanziert die Städtebauförderung, den Rest will der neue Eigentümer aufbringen: Schließlich will er mit dem fertigen Bau einen runden Geburtstag feiern. Unerkannt war er 2014 bei einer Führung durch das Renovierungsprojekt in Ansbach gewesen, hatte Feuer gefangen und will das wiedererwachte Retti-Palais ab Ende 2020 als Museum für seine Sammlung von barocken Skulpturen, Kleinplastik und Porzellan haben. Wie Schoen ausführt, soll es Sonderausstellungen mit Exponaten bis in die Moderne geben.

Neues Leuchtturmprojekt

Nach vielen Gesprächen mit dem Landesamt für Denkmalpflege, dem Kultusministerium, der Regierung von Mittelfranken stimmte die Stadt als Besitzer des Palais dem Projekt zu, verspricht sich vom Retti-Museum in naher Zukunft einen neuen kulturellen Leuchtturm für ganz Westmittelfranken. Und für das Stadtjubiläum 2021 bekommt man ein würdiges Ankerprojekt.
Der Stadtrat hat auch beschlossen, den Betrieb des künftigen Museums mit 30 000 Euro bereits jetzt und pro Jahr zu unterstützen.
Der Förderverein wird die Hauptlast des Betriebs tragen. Ihm steht der auf Denkmalsobjekte spezialisierte Architekt Hans- Heinrich Häffner aus Ellingen zur Seite. Genauso wie tagtäglich der ins Retti-Palais geradezu verliebte Christoph Schoen, der zusammen mit Alexander Biernoth und Christian Eichinger ein detailreiches Büchlein herausgegeben hat, das die wechselvolle Geschichte des Palais referiert und mit Quellen belegt.
Diese Geschichte will man bis in die Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen und wiederherstellen: noch mit den von Seckendorff gewünschten Änderungen und den ab 1758 von der Familie von Falkenhausen eingebauten „Supraporten“ in den „grünen Prunkzimmern“.
Bis Ende 2018 wird man herausgefunden haben, welche Schichten und Veränderungen am Bau über rund 250 Jahre hin man auftrennen und gegebenenfalls beseitigen muss. Dazu hat man inzwischen die Parkettböden des 20. Jahrhunderts entfernt, unter der Teerpappe den Sand so weit weggegraben, dass die Gewölberippen des Kellers sichtbar wurden.
Bei jedem Grabungsschritt ergeben sich neue Fragen: Warum wurde das Kellergewölbe an der Straßenseite zugeschüttet, was alles war beim Bombenangriff 1945 zerstört worden, was verbirgt sich hinter Tapeten, Stuck und Putz: etwa ein gelbes Treppenhaus? Ging der Dienstbotenaufgang vielleicht in eine ganz andere Richtung als bisher angenommen?
Schon als Obervogt von Seckendorff 1749 das Haus bezog, sollte es nach dem Willen des Markgrafen künftig „ein publiques Statt und Oberamtshaus seyn und bleiben“. Bald soll es das Museumspublikum anlocken. (Uwe Mitsching)


Abbildungen:

Stück für Stück wird die prächtige Bauzier wieder sichtbar.   (Fotos: Jim Albright)

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