Kultur

Besonders beliebt aus Friedberg waren Kutschenuhren: vergrößerte Taschenuhren mit besonderen Anforderungen an eine exakte Zeitangabe. Diese aus der Zeit um 1750 stammt von Joseph Spiegel. (Foto: Andreas Brücklmair)

14.08.2020

Salonfähiges Ticktack

Herzstück der Heimatsammlungen Friedbergs im Wittelsbacher Schloss ist die Uhrensammlung

Keine Marketing-Übertreibung ist es, von glanzvoll zu sprechen. Denn wenn man das 2019 nach umfänglicher Neugestaltung wiedereröffnete Museum im Wittelsbacher Schloss Friedberg und seine sieben Abteilungen durchwandert hat, ist die Begeisterung groß über diese Pracht, den eleganten Geschmack der Präsentation, den museumspädagogischen Einfallsreichtum und über viele der Exponate dieses regional- und stadtgeschichtlichen Museums.

Die Begeisterung beginnt schon im hübschen Museumscafé, wo man sich zur Einstimmung zwischen altem Gemäuer, Burggraben und allgegenwärtiger Wehrhaftigkeit zurückträumen kann bis in die Zeiten des Ungarneinfalls 955, als über einem „Halsgraben“ eine Schutzburg gestanden haben mag, die mittelalterliche Burganlage des Bayernherzogs Ludwig des Strengen. Die wurde in der Renaissance zu einem herzoglichen Witwensitz, der im 19. Jahrhundert Amtsstube und Museum wurde. Zu dieser Zeit hatte Friedberg als Grenzort und Zollstation zwischen dem Bistum Augsburg und Bayern seine Bedeutung durch Mediatisierung und Säkularisation verloren.

Zuvor war Friedberg über Jahrhunderte Grenzstadt gewesen: „Kaum dass man Augsburg verlassen hat, beginnt Bayern und man kommt durch Friedberg, einen bayerischen Ort auf einem Berg, wo sie Unmengen von Uhren herstellen.“ Diese Beschreibung passt zu den drei Panoramabildern am Beginn des prächtigen Katalogs, der das Museum und seine Geschichte zu Recht feiert. Und im ersten Saal des Ausstellungsrundgang kann man dann Türchen öffnen wie an einem Adventskalender, wird neugierig auf Friedberger Handwerk, Puppenstuben und städtische Mode, kann überall etwas anhören, anschauen, aufmachen, hat gemütliche Sitzecken, um den Texten zuzuhören.

Unterwegs mit Philipp

Museumsleiterin Alice Arnold-Becker sagt angesichts dieser geschickt gebündelten Fülle: „Was wir zeigen können, ist nur die Spitze des Eisbergs, das Wichtigste.“ Dabei hilft beim Rundgang immer wieder der kleine Philipp, ein Uhrmacherbub und Pappkamerad, als Cicerone. Der Orientierung dient zudem ein Stadtmodell („Friedberg war eine geplante Stadt“), aus dem vergoldet die Uhrmacherhäuser hervorstechen.

Die Uhrenherstellung ist – Philipp, die Bilder prächtig gekleideter Uhrmacher-Ehepaare und viele faszinierende Stücke beweisen es – der Mittelpunkt dieses Museums und von Friedbergs Geschichte: geschickt beleuchtet präsentiert, von der Taschen- bis zur Standuhr, in herrlich furnierte Barocksekretäre eingearbeitet oder speziell für den türkischen Absatzmarkt entworfen und hergestellt. Kunstwerke wie die Tischuhren mit typisch osmanischem Dekor und von Elias Kreittmayr haben die Habsburger als Tribut nach Konstantinopel geliefert. Erst ging der Auftrag nach Augsburg, die Fertigstellung war in Friedberg. Denn da saßen die vielen Uhrmacher, die in der Bischofsstadt keine Meisterstelle mehr bekamen und dann Friedberg zu Wohlstand verhalfen: 1790 wurden Friedberger Uhren für rund 100 000 Gulden ins Ausland verkauft, besonders in östliche Metropolen und Schlösser.
Ein halbes Jahrhundert später war der Zauber vorbei und die Friedberger Meister konnten gegen die industriell gefertigte Uhr aus der Schweiz, Frankreich und besonders aus England nicht mehr konkurrieren – manchmal bemühten sie hilflos die Fake-Signatur London. Friedbergs Meister wanderten zum Beispiel nach Wien aus.

Das alles veranschaulicht man im Museum mit Karten, Werkzeugen und glänzenden Originalen. Auch Preisvorstellungen bekommt man: Zwischen 50 und 150 Gulden musste man für eine Taschen- oder eine Kutschenuhr berappen. Wer bei der musealen Fülle den Überblick behalten hat, erinnert sich in diesem Zusammenhang vielleicht an die „Teuerungstafel“ von 1816/17 zum Vergleich, wo für einen Scheffel Weizen 110 Gulden verlangt wurden oder für Erdäpfel 18 Gulden. Alice Arnold-Becker kann noch die 1000 Gulden beitragen, die ein Haus damals in Friedberg gekostet hat.

In der Uhrenmanufaktur arbeiteten auch Frauen. Man sieht das komplizierte Handwerkszeug wie eine Zahnradschleifmaschine. Philipp führt einen zur Mitmachstation für Kinder von heute, die sich dort aus Plastik eine Uhr basteln können.

Auch Friedberger Fayencen sind eine besonders sehenswerte Museumsstation: Wie überall in der Zeit des Merkantilismus wurden die Fayencemanufakturen von Fürsten gegründet, aber in Friedberg sind sie nicht so recht konkurrenzfähig geworden. Obwohl man heute noch begeistert sein kann vom „indianischen Blumensumpf-Dekor“ in Blaumalerei oder den bunten Scharffeuerfarben.

Je nach Interesse kann man im Ausstellungsrundgang auch noch die Archäologie-Abteilung oder Werke der zeitgenössischen Künstler*innen aus Friedberg anschauen – der kleine Philipp wird nicht so schnell müde, einen weiterzuleiten. (Uwe Mitsching)

Abbildung: Auf der Kutschenuhr aus der Zeit um 1750 spiegelte Joseph Spiegel seinen Namen zu  „Legeips“. Obendrein gravierte er als Produktionsort London ein. Das sollte die Verkaufschancen erhöhen, weil England damals führend in der Uhrenherstellung war.    (Foto: Andreas Brücklmair)

Information: Museum im Wittelsbacher Schloss, Schlossstraße 21, 86316 Friedberg. Täglich 10-17 Uhr.

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