Kultur

Penibel werden alte Kundenkarteikarten und Fotokarten analysiert, um die Biografie der Kunstwerke nachvollziehbar zu machen. (Foto: ZI München/Susanne Spieler)

30.04.2020

Schicksale rekonstruieren

Am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München wird seit Jahren das umfangreiche Material der Kunsthandlung Julius Böhler für eine Forschungsdatenbank aufgearbeitet

Keine Florida-Rundreise ohne den Besuch des John and Mable Ringling Museum of Art in Sarasota: Da gibt es Werke von Rubens, Poussin und Bordone. Man staunt, dass ein Zirkusmagnat (1866 bis 1936) eine so große und teure Sammlung zusammengetragen hat. Das Staunen wird vielleicht noch größer, wenn man erfährt, dass John Ringlings Kunsthändler in den 1920er-Jahren der Münchner Julius Wilhelm Böhler war, der zweite in der 1880 beginnenden Dynastie, die heute von Florian Eitle-Böhler vertreten wird.

Die Geschäftsunterlagen der Böhlers lagern im Bayerischen Wirtschaftsarchiv in München. Aber seit 2015 sind 34 600 Karteikarten in drei Systemen und zu allen gehandelten Objekten, ein Archiv von 7831 Fotomappen (ab 1918) und eine Münchner Kundenkartei zu privaten und institutionellen Kunden aus der ganzen Welt beim Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) zu finden. Dort hat man diesen Kartenschatz Anfang 2017 in den Fokus aktueller Forschungsprojekte gestellt: „Händler, Sammler und Museen. Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903–1944“ , gefördert von der Ernst von Siemens Kunststiftung und vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

Den Handel verfolgen

Ziel ist die Provenienzforschung mit der Klärung des Schicksals von Kunstwerken insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus, der Erfassung der mit Kunsttransaktionen befassten Personen aus der Firma selbst, aus dem internationalen Kunsthandel und aus dem Kreis von Kunstversteigerungshäusern wie etwa Adolf Weinmüller in München, aber auch von Privatleuten.

Nach Meike Hopp, die an die TU Berlin berufen wurde, hat Birgit Jooss dieses riesige Projekt der digitalen Provenienzforschung übernommen; nach ihrer Zeit am Deutschen Kunstarchiv in Nürnberg, am Archiv der Akademie der Künste in Berlin war Birgit Jooss zuletzt am Archiv der Kasseler documenta.

Eigentlich sollte das Projekt am ZI bis zum 28. Februar 2021 beendet sein, bis dahin läuft die Finanzierung. Aber angesichts der vielen Karteikarten und ihrer Erfassung kommt man langsamer voran als berechnet, natürlich hat auch die Pandemie die Arbeiten verzögert. Zusammen mit sieben wissenschaftlichen Hilfskräften geht es Birgit Jooss nach der bereits erfolgten Digitalisierung und dem Aufbau einer semantischen Datenbank um die Transskribtion dieser Zehntausende von Karteikarten mit dem Ziel einer einheitlichen Lesbarkeit.

Alles, was an Kunst je in den Händen der Firma Böhler war, soll danach befragt werden können: Was ist das für ein Kunstwerk, von welchem Künstler, wann eingeliefert, wann wieder verkauft (und das jeweils von wem)? Daran knüpfen sich weitere analysierende Fragen: Musste jemand unter Zwang verkaufen, wie war die Wertentwicklung eines Objekts? Und weil ein Kunstobjekt durch verschiedene Händlerhände gegangen sein kann, „wäre es natürlich toll, wenn sich noch mehr Händler zu einer Bearbeitung dieser Unterlagen nach dem jetzt entstehenden digitalen Muster entschließen würden“, sagt Jooss. „Dann könnte man die ganzen Informationen zusammenlegen, um den Wegen von Objekten noch besser nachforschen zu können.“

In Zukunft soll jeder Interessent das im Internet veröffentlichte Raster benützen können: Viele Auktionshäuser wie das Wiener Dorotheum, Museen, Rechtsanwälte, Erben stellen heute schon Fragen an das digitalisierte Böhler-Archiv.

Auch der 2019 in einer ZDF-Dokumentation aufgerollte Fall der im Dritten Reich unter Zwang verkauften Kunstsammlung des jüdischen Fabrikantenehepaars Ernst und Agathe Saulmann zeigt anhand der digitalisierten Archivalien die Mechanismen des Nazi-Kunstraubs. Um 140 000 Mark „Reichsfluchtsteuer“ aufbringen zu können, beauftragte Agathe Saulmann das Kunsthaus Böhler mit dem Verkauf der Sammlung. Bevor noch eine Antwort aus München auf der Schwäbischen Alb eintraf, mussten die Saulmanns flüchten und alles zurücklassen. Böhlers verspätete Antwort: „Wäre gerne bereit, die Kunstwerke zu verkaufen.“

Grundlage für Ansprüche

So wird das seit 1900 mit 20 Ausstellungsräumen in München etablierte Haus (auch schon mal als „kleines bayerisches Nationalmuseum“ tituliert), das seine Kunden ebenso unter vermögenden jüdischen Sammlern hatte, mit einem ab 1936 etwa sechsfach gesteigerten Umsatz zum „Profiteur der Situation“ (ZDF-Doku), und die Käufer hießen dann nicht mehr Saulmann oder Bleichröder, sondern Göring und Weinmüller.

Der ZDF-Film, die Stellungnahmen der betroffenen Eigentümer und Museen und bald das fertig digitalisierte Böhler-Archiv lassen die Provenienzen zum Beispiel einer Alabaster-Madonna mit Kind oder die Drei Engel mit dem Christuskind von Hans Multscher aus dem Saulmann-Besitz noch deutlicher werden. Sie sind Grundlage von Restitutionsansprüchen und für die Nachzeichnung der Firmengeschichte ebenso wie der Geschichte der Saulmanns, die gerade mal 40 000 Mark für ihre Kunstwerke erlösen konnten – mit direktem Weg ans NS-Finanzamt.

Der Central Collecting Point der amerikanischen Besatzungsmacht in München (ab 1945), die „Washington Principles“ zur Auffindung und Rückgabe von Kulturgut aus jüdischem Besitz: Auf beide kommt Birgit Jooss zu sprechen, wenn sie die neue Datenbank in ihrer historischen Genese erklärt: als ein Projekt des Zentralinstituts von hoher gesellschaftlicher Relevanz und entsprechender öffentlicher Aufmerksamkeit sowie steigender Nachfragen.

Was einen irritieren mag, ist das Verhältnis von enormem Forschungsaufwand und tatsächlich stattfindender Restitution von Kunstwerken: „Die Museen geben nur zurück, wenn die Aufklärung lückenlos ist, und das ist wahnsinnig schwierig“, erklärt Jooss. Aber mit ihrer neuen Forschungsstruktur anhand des digitalisierten Böhler-Archivs sollte das einfacher werden. (Uwe Mitsching)

Information: www.zikg.eu

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